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Rezension: Sachbuch : Der große Frühjahrsputz der Welt

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Die Komputistik, also die Kalenderberechnung, war ein weiteres Feld, auf dem sich zumindest als terminus technicus der "Centenarius" und nicht etwa der zeitlich unbestimmte Begriff "Saeculum" durchsetzte. Mit der Geschichtsschreibung sickerte die Jahrhunderteinteilung allmählich in breitere Schichten. Doch erst die tief greifende Umwälzung des historischen Bewusstseins durch die Aufklärung ließ die kalendarischen Wegmarken zu weithin ausstrahlenden Leuchttürmen der Menschheitsgeschichte werden. Um 1700 war allenfalls die Tradition der kirchlichen Säkularfeier fest etabliert, die allerdings hundert Jahre später leicht für umfassende Standortbestimmungen instrumentalisiert werden konnte. Auf die Jahrhundertwenden heftete sich jetzt, wie Wilhelm von Humboldt es formulierte, ein "allgemeines Bedürfnis der Menschheit, sich von Zeit zu Zeit von den Umwandlungen ihres Charakters Rechenschaft zu geben".

Es ging nun zunehmend darum, das ablaufende wie das anbrechende Jahrhundert auf den Begriff zu bringen und sich selbst damit einen Ort auf dem linear gedachten Zeitstrahl des Menschheitsfortschritts zu geben. Saeculum und Centenarius, Zeitalter und Jahrhundert wurden deckungsgleich. Seither gehört die Krisenhaftigkeit ebenso zur Topik der Zeitenwende wie die Beschleunigung der historischen Entwicklung in der Zange zwischen zwei Epochen. Alle diese Spuren finden sich in heutiger Millenniumsrhetorik wieder. "Tod" des Alten, "Geburt" des Neuen, Herders kritische Diagnose gilt immer noch: "Wir hoffen auf Zeichen und Zahlen, knüpfen Wünsche an ein Phantom."

Dass "Finis Saeculi" einmal das Ende alles Weltlichen bedeutete, glüht in der Gegenwart außer in Adventistenzirkeln nur noch in der banalen Pseudo-Apokalyptik eines Computerfehlers nach. Angesichts der von Gould eindrucksvoll beschriebenen evolutionsgeschichtlichen Zeitdimensionen machte sich die Kirche heute nur lächerlich, würde sie das Jüngste Gericht für die allernächste Zukunft predigen. Die Lehre von den Letzten Dingen ist so besehen einer der am wenigsten wirkungsmächtigen christlichen Glaubensinhalte. In einem Sammelband des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen stellt Reinhard Staats im neuen "Evangelischen Gesangbuch" ein auffälliges eschatologisches Defizit fest. Warum soll Christus überhaupt wiederkommen, wird sich so mancher fragen, als hätte Gott bei seiner Menschwerdung nur eine halbe Sache gemacht.

Der Weltuntergang wurde restlos säkularisiert zur schleichenden ökologischen Menschheitskatastrophe oder hat umgekehrt in den Atomkriegsszenarien des Kalten Krieges die Gestalt des augenblickhaften großen Rumms angenommen. Für die Apokalyptiker früherer Jahrhunderte dagegen war eine Dramaturgie noch Pflicht: Das Weltende folgte einem biblischen Drehbuch mit klar erkennbaren Protagonisten und deutlichen Spannungskurven. Heute finden diese millennarischen Szenarien im Hollywood-Kino ihre endlose Wiederaufführung.

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