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Rezension: Sachbuch : Der große Frühjahrsputz der Welt

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Wer sich in das Zeitbewusstsein früherer Epochen hineindenken will, muss sich die Jahreszahl als Bezugspunkt aus dem Kopf schlagen. Das grassierende Millenniums-Fieber ist ja nur der sichtbarste Ausdruck davon, dass wir - von der Steuererklärung bis zum Rentenbescheid, von Windows 95 bis zur WM 98 - in unserer Zeitwahrnehmung normiert sind wie ein Kilometerzähler. Wir leben im Rhythmus eines umfassenden, von den Medien mit ihren Jahresrückblicken ständig reproduzierten dezimalen Ordnungsschemas und bejubeln pünktlich Fußballer des Jahres, Achtziger-Jahre-Parties und Jahrhundertwerke. Der "Zahlenzauber", von dem der Paläontologe Stephen Jay Gould in seinem Essay zum Millennium spricht, beginnt nicht erst mit drei Nullen, sondern mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr.

Dass es pünktlich zum Jahre Tausend eine umfassende Angst vor dem Anbruch des Jüngsten Tags gegeben hat, ist bekanntlich ein populärhistorischer Mythos. Die ursächliche Zurechnung vereinzelter Belege in den Quellen zum Jahrtausendende ist schwierig. Zwar wurde die Jahreszählung nach Christi Geburt bereits im sechsten Jahrhundert von Dionysios Exiguus entwickelt, aber bis weit ins späte Mittelalter war sie für den größten Teil der Bevölkerung kaum von Bedeutung. Man zählte, wenn überhaupt, nach Herrscherjahren oder in Relation zu anderen biografisch markanten Ereignissen.

Es ist auch nicht verwunderlich, vor Beginn der Neuzeit an Jahrhundertwenden keine aus dem üblichen Rahmen fallende Weltuntergangsstimmung zu finden, denn das Millennium, von dem die Johannes-Apokalypse im zwanzigsten Kapitel spricht, hat mit dem Kalender nichts zu tun. Tausend Jahre beträgt die Zeitspanne der Herrschaft Christi nach seiner Wiederkunft; theologisch ins Unreine gesprochen wäre das die Zeit der Beweisaufnahme für das Jüngste Gericht. Nach Matthäus 24, 36 sind weder Tag noch Stunde des Weltendes bekannt, doch die ganz Gewitzten glaubten, für die Berechnung des Jahres gelte diese Mahnung nicht. Den Anbruch des Millenniums errechnete man aber ausgehend von einem angenommenen Beginn der Welt. Die Inkarnation spielte terminlich dabei nur eine Nebenrolle und damit auch das Jahr 1000 oder 2000 nach Christi Geburt. Das Problem war somit nicht die traditionell angenommene sechstausendjährige Dauer der Weltgeschichte, sondern der ungewisse Zeitpunkt der Genesis.

So klingt es lediglich paradox, wenn Brendecke die Geburtsstunde der Jahrhundertwende auf das Jahr 1300 datiert, als Papst Bonifaz VIII. erstmals ein "Heiliges Jahr" ausrief, in dem allen Rompilgern ein vollständiger Sündenablass gewährt wurde. Einen wesentlichen Beitrag zur allmählichen Verfestigung der fließenden Zeit leistete später die nicht zuletzt gegen das päpstliche Jubeljahr gerichtete protestantische Festkultur. Die Reformationsjubiläen und Universitätsfeiern waren der Prototyp der späteren Jahrhundertfeiern.

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