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Rezension: Sachbuch : Der Glaubenszwist macht den Drucker reich

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Gedächtnisstütze inmitten der Publikationsflut: Eine opulente Geschichte des Buches

          3 Min.

          Peter Kien, der realitätsblinde Sinologe und Büchernarr aus Elias Canettis Roman "Die Blendung", machte seine Bibliothek auf sonderbare Weise mobil: "Jeder einzelne Band wurde herausgenommen und mit dem Rücken zur Wand gestellt." So hoffte Kien, die Unterschiede zwischen seinen Büchern zu beseitigen und seiner Haushälterin Therese Krumbholz den Überblick über den Bestand zu erschweren. Im Mittelalter wäre diese Maßnahme fehlgeschlagen, denn damals vermerkte man die Titel der Bücher noch auf dem vorderen Schnitt, also auf dem aus den Seiten gebildeten Buchblock selbst. Erst im sechzehnten Jahrhundert begann man, die Buchrücken zu beschriften.

          Solche erstaunlichen Informationen kann man einem Werk entnehmen, dessen Aufmachung man nur mit der altertümlichen Bezeichnung "Foliant" beschreiben kann: ein Überformat, veredelt durch einen sorgfältigen Leineneinband und prachtvolle Abbildungen. Schon 1978 hat die Schlütersche Verlagsanstalt ein solches Labsal für Bibliophile erstmals herausgegeben, damals noch von Helmut Presser verfaßt. Nun erschien aus der Feder von Marion Janzin und Joachim Günter ein Nachfolger, der nur noch den Titel mit seinem Vorgänger gemein hat.

          Die Neuedition wurde mit einer Vielzahl sorgfältig reproduzierter Abbildungen versehen, die teilweise doppelseitig herausragende Buchpublikationen der letzten Jahrtausende vorstellen, aber auch deren Vorläufer nicht vernachlässigen. Auch der Text beschreibt keineswegs nur die Geschichte des Buches in all seinen Facetten von der Herstellung bis zum modernen Marketing, sondern widmet sich auch eingehend der Entstehung der Schrift, den ersten Tontafeln als Schreibflächen oder den ägyptischen Papyri.

          Daß sich die Autoren in diesem Wust an Informationen manchmal verlaufen, sieht man ihnen gern nach. Auch wenn wir aus ihren insofern widersprüchlichen Artikeln nicht einwandfrei erfahren, ob die Überlieferung der antiken Autoren den günstigen klimatischen Bedingungen in Ägypten zu verdanken ist, die den Zerfall der dortigen Papyrusrollen verhinderten, oder doch dem Interesse der frühmittelalterlichen Klöster an den griechischen und lateinischen Texten, so ist die Erklärung letztlich weniger wichtig als die Tatsache, daß wir die Schriften noch haben.

          Denn natürlich ist "Das Buch vom Buch" auch eine Bilanz der Verluste. Nicht nur derjenigen im großen Maßstab, etwa durch den Brand der Bibliothek von Alexandria, sondern auch der kleinen Dramen. So entdeckte Kardinal Angelo Mai 1820 unter einer Handschrift eines Textes von Augustinus aus dem siebten Jahrhundert eine auf dem Pergament ausradierte, aber noch lesbare Abhandlung Ciceros: das verloren geglaubte Buch "De re publica". Das Unglück wollte es, daß der Kardinal ehrgeizig war und sich nicht auf eine mühsame Entzifferung des Palimpsests beschränkte, sondern ein chemisches Verfahren entwickelte, das solche verborgenen Texte wieder sichtbar machen sollte. Leider zerstörte er damit eine Vielzahl antiker Schriften vollständig, so daß wir heute auf die vermutlich fehlerhaften ersten Kopien des wackeren Kirchenmannes angewiesen sind.

          Schon die Entwicklung des Buchdrucks in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts war aber ein Segen für die Bewahrung antiker Quellen, und das gerade neu erwachende Interesse der Gelehrten an den alten Texten, die nach der türkischen Eroberung von Byzanz von den Flüchtlingen nach Italien gebracht worden waren, erlaubte den Druckern gute Geschäfte. Die Renaissance wurde so zum Motor des Buchgewerbes, bevor die Reformation einen noch größeren Markt erschloß, weil nun auch Flugschriften und populäre Bücher in Massen hergestellt werden mußten. Allerdings orientierten sich handwerkliche Prozesse wie die Buchbindung noch lange an den mittelalterlichen Vorbildern.

          Heute haben wir eine Bücherschwemme, die unseren Vorfahren unfaßbar gewesen wäre. In einem einzigen Jahrgang einer Tageszeitung dürften mehr Informationen enthalten sein als in den großen Bibliotheken der Vergangenheit. Man ist als Leser dankbar, wenn sich aus der Flut der Publikationen überhaupt noch einzelne Inseln erheben, deren Aufmachung wie Inhalt zur näheren Betrachtung reizt. "Das Buch vom Buch" zählt zweifellos zu diesen verführerischen Eilanden, wenn es auch nicht gerade zum günstigen Last-Minute-Preis seine Schönheiten zugänglich macht. Dafür kommt man auch in den Genuß der wohltuend zurückhaltenden Typographie von Hans Peter Willberg, der uns prachtvolle Beispiele für untergegangene Schriften vor Augen führt. Hier bildet nicht nur das Lesen, sondern auch das Schauen, und was man sieht, das will man wieder lesen. Dieses "Buch vom Buch" ist deshalb zugleich ein Buch der Bücher. ANDREAS PLATTHAUS

          Marion Janzin/Joachim Güntner: "Das Buch vom Buch". 5000 Jahre Buchgeschichte. Schlütersche Verlagsanstalt, Hannover 1995. 496 S., Abb., geb., 158,- DM.

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