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Rezension: Sachbuch : Der gespaltene Islam

  • Aktualisiert am

Suraiya Faroqhis Osmanen / Von Wolfgang Günter Lerch

          Spätestens der Bosnien-Krieg mit seinen vielfältigen Verweisen auf die "orientalische Frage" hat deutlich gemacht, daß wir vom Osmanischen Reich, jener dauerhaftesten und wirkungsvollsten Staatsgründung der Türken, bis heute zu wenig wissen. Ist schon die Anzahl ebenso brauchbarer wie gut lesbarer Gesamtdarstellungen der osmanisch-türkischen Ereignisgeschichte recht gering, so gilt dies noch mehr für Darstellungen der Kulturgeschichte. Wie lebten die alten Osmanen? Weniger die Angehörigen des Hofes, der Padischah und seine Wesire, vielmehr das Volk in den Städten, besonders auch in Konstantinopel, der Kapitale, die alles kulturelle Leben anzog wie die Flamme den Falter.

          Die Münchener Turkologin Suraiya Faroqhi widmet sich in ihrem jüngsten Werk dem Thema Kultur und Alltag im Osmanischen Reich, vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, das heißt bis zu jenem Zeitpunkt, da sich das Imperium, von außen bedrängt, immer mehr von innen heraus auflöste und in seiner langen Agonie nur noch durch politische und militärische Kraftakte des Sultans oder der Jungtürken vorübergehend zusammengehalten wurde.

          Das Buch wendet sich sowohl an Fachgelehrte als auch an eine interessierte gebildete Öffentlichkeit. Für letztere setzt es einiges an Vorkenntnissen über die Geschichte des Islam und der Turkvölker sowie über die Erforschung des Osmanischen Reiches und über Kulturgeschichtsschreibung voraus. Nicht jeder hat parat, was Seldschuken sind und welche Rolle sie in der Geschichte des Vorderen Orients gespielt haben. Die Autorin bekräftigt denn auch, daß man die Einleitung zunächst überspringen und ruhig mit dem zweiten Kapitel beginnen könne, um dann zum Beginn zurückzukehren.

          Die osmanisch-türkische Kultur gründete von ihrem Anfang an auf einer Gemengelage: Türkische Nomaden drängten nach dem Sieg von Sultan Alparslan bei Malazgird (Mantzikert) über den byzantinischen Kaiser Romanos Diogenes im Jahre 1071 nach Anatolien, wo sie sich inmitten der byzantinischen Bauernbevölkerung niederließen. Dies bildete das Substrat für die anatolisch-muslimische Bauernbevölkerung, die nach dem Ende der Seldschuken das Osmanische Reich trug. Die Nomaden waren meistens schiitisch-heterodox, zunächst oberflächlich islamisiert und noch von mittelasiatischen Bräuchen, Riten und religiösen Vorstellungen durchdrungen, die vor allem im Derwisch-Wesen, bei den Babas und Abdal, sichtbar wurden. Im Gegensatz dazu standen Herrscher und Schrift-Theologen, die - wie auch große Teile der Stadtbevölkerung - den sunnitisch-orthodoxen Islam annahmen und, nach anfänglicher Toleranz, zunehmend gegen den "Volksislam" durchsetzten.

          Dieser Prozeß hing mit der Rivalität der Osmanen-Sultane zu den heterodox-schiitischen Safawiden Irans zusammen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts ihre Macht konsolidierten. Wenn sich auch vieles im Laufe der Jahrhunderte abschliff, so zeigt doch das heutige Aleviten-Problem, daß der Gegensatz zwischen diesen volkstümlichen Formen des nomadischen Islam und der Sunna als Bekenntnis der Oberschicht und der Mehrheit der Bevölkerung niemals ganz überwunden wurde. Er spielt sogar in der laizistischen Türkei noch eine Rolle. Stark prägte er die volkstümliche Kultur, die - auch in sunnitischem Gewand - mit dem Derwisch-Wesen, mit der Volksdichtung und vielen anderen Äußerungen kulturellen Lebens in Verbindung blieb. Eine muslimische Architektur verschmolz bald byzantinisches und mittelasiatisch-islamisches Erbe miteinander. Noch heute kann der Tourist die staunenswerten Werke der Seldschuken und Osmanen in den Städten, auch Provinzstädten, der Türkei (wie auch gelegentlich in den Nachfolgestaaten auf dem Balkan) bewundern. Mit den zunächst siegreichen Heeren der Türken drang sie in eine Region vor, die von Algerien bis zum Kaukasus, vom nördlichen Balkan bis in den Jemen reichte.

          Unter Mehmet dem Eroberer, der 1453 Konstantinopel bezwang, nahm das Hofzeremoniell und die gesamte Herrschaftsstruktur des Imperiums geregelte, festgefügte Formen an, die bis in die Spätzeit des Reiches mehr oder weniger unverändert erhalten blieben. Sie grundierten die Hofkultur, die sich über der popularen Kultur wölbte, sie aber auch beeinflußte und umgekehrt von ihr beeinflußt wurde. Doch auch hier blieb ein Gegensatz erhalten, der bis in die Sprache hineinreichte und dessen Beseitigung noch das Anliegen Kemal Atatürks in diesem Jahrhundert sein sollte.

          Das Buch bringt eine Fülle von Details über das Alltagsleben, über Architektur und Wohnen, über Frauenkultur (ein Gebiet, das in der Islamkunde in großem Umfang erst noch entdeckt werden muß), über Zeremonien und Feste des Hofes wie der kleinen Leute, über Essen und Trinken, Lesen und Schreiben. Faszinierend bleibt auch jene experimentelle Kultur der Oberschicht zwischen 1840 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges, die durch das Einströmen westlicher Techniken und Denkweisen einen allmählichen Wandel anzeigte. In die Literatur halten Briefwechsel und Erinnerungen ebenso Einzug wie das europäische Theater. Die Autorin zeichnet ein intensives Bild osmanischer Kultur, das geeignet ist, jenes längst überholte Bild vom osmanischen Militärstaat, der keine nennenswerte eigene Kultur hervorgebracht habe, zu revidieren. Gerade auch die Hervorhebung des Alltags kann dazu dienen, das Leben auch der heutigen Türken in der Türkei wie in Deutschland besser zu verstehen. Es wurzelt trotz aller Reform und Modernisierung in diesem Jahrhundert noch immer in diesen Traditionen.

          Suraiya Faroqhi: "Kultur und Alltag im Osmanischen Reich". Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. C. H. Beck Verlag, München 1995. 402 S., 18 Abb. u. Karten, geb., 58,- DM.

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