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Rezension: Sachbuch : Der Frisör löckt mit Verwicklungen

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Goldener Stufenschnitt

          Die allgemeine Ungerechtigkeit des Lebens läßt sich noch durch eine besondere überbieten, wie auch dieses Frühjahr schmerzlich beweist. Denn immer mehr Verlage zögern die Auslieferung ihrer sehnsüchtig erwarteten Sachbücher hinaus, korrigieren stillschweigend das Erscheinungsdatum und stürzen damit ganze Berufszweige und Leserpopulationen in den Entzug. Die schöne Literatur, so hört man aus doppelköpfigen Häusern wie Piper, Hanser oder Suhrkamp, habe Vorrang auf den Druckmaschinen: Die Rotationsromane fräßen die Papierballen schneller auf, den Buchbindern seien auflagenstarke Bücher nun einmal die erstbesten. So sitzt der Belletrist bereits seit Wochen im abendlichen Lampenschein und stöbert unter Büchern, von denen ein jedes sein Leben verändert. Die nächste Gedichtzeile ist die Axt, die das Packeis seines Innenlebens durchschlägt, jede neue Novelle zündet nach langer Winternacht ein Feuerwerk. Nur der wartende Sachbuchleser fristet sein Dasein noch unter Einsatz einer seelischen Stromsparbirne. So greift er in seiner Verlassenheit nach Büchern, deren Nebenwirkung für Gemüt und Birne nicht abzusehen sind. Die Suche nach dem Sitz der Seele haben Frisöre längst für beendet erklärt. Unmittelbar an den Haarwurzeln habe sie sich niedergelassen, in dem kleinen Versteck zwischen Talgdrüse und Balgmuskel, wo sie leichte Beute für massierende Fingerkuppen wird. Zum Beweis diene die Redensart, Selbsterkenntnis falle einem wie Schuppen vor die Augen. Diese kopfhautnahe Seelenlage hat Frisöre und Psychotherapeuten oftmals in Personalunion zusammengeführt; schneiden, waschen, analysieren ist ihnen eins. Zu diesen kurierenden Frisören, die das Innenleben in eine LaOla-Dauerwelle verwandeln und dem schizoiden Spliß eine Packung verpassen, gehört auch Reinhold Kopp. Über seine Erfahrungen an der Brausecouch hat er ein Buch geschrieben, das man uneingeschränkt nicht empfehlen kann (Reinhold Kopp: "Das Geheimnis schöner Haare". Mehr Ausstrahlung durch innere Harmonie. Kösel-Verlag, München 2001. 159 S., br., 29,90 DM).

          Längere Passagen dieses Buches widmen sich der Äquatorlinie durchs innere Afrika, dem Scheitel. Mindestens dem Frisör ist bereits aufgefallen, daß er sich in Wanderbewegungen über die Nordhalbkugel versetzen läßt: Es gibt Rechts- wie Linksscheitelträger. Davon kann die unten unmittelbar mitgehende Seele nicht unberührt bleiben. Ausgedehnte empirische Studien haben den Zusammenhang zwischen Scheitellage und frühkindlicher Prägung für Kopp eindrucksvoll bewiesen: "Ein Mittelscheitel zeigt, daß der Betreffende zwischen dem Verstand und den Gefühlen hin- und hergerissen ist, also zwischen dem Männlichen und Weiblichen, zwischen Vater und Mutter . . . Ein Blick in das Elternhaus bestätigt meist das Bild der Frisur."

          Der Frisör im Heim weiß: Rechtsscheitelträger stellen ihre ödipalen Turbulenzen offen aus. Je geradliniger ihr Scheitel, desto unverhohlener äußert sich der Beischlafwunsch. Bevor aber Zwangsmaßnahmen ergriffen und eine polizeiliche Verbringung in den Frisiersalon vorgenommen wird, wo dem Labilen unter Aufsicht der Kopf gewaschen wird, sind Alternativen zu bedenken. Der kopfbreite Scheitel - vulgo: die Glatze - ist keine. Hier verbirgt sich die innere Disposition hinter der Blöße. Perücken gar, die rechts und links, Vater und Mutter, mutwillig vertauschen, erfüllen einen Straftatbestand. Über diese Entdeckungen muß sich in Kopps Praxis mancher Patient schon verfärbt haben. Unschuldige Frisuren, so lernt man aus diesem Buch, kann es in der bürgerlichen Gesellschaft nicht geben. Der Frisörbesuch auf Krankenschein steht bevor. Dazu nächstens mehr - es sei denn, neue Sachbücher lenken endlich ab.

          THOMAS WIRTZ

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