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Rezension: Sachbuch : Der Feind ist maskiert und lauert überall

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Sein Material bezog der österreichische Nationalrat aus dem deutschen Auswärtigen Amt, das 1917 ohne Erfolg den Verfasser des "Golem", Gustav Meyrink, zur Niederschrift eines freimaurerfeindlichen Romans bewegen wollte. Wie die meisten Antisemiten hielt auch Wichtl die Freimaurerei für eine jüdische Sache. Houston Stewart Chamberlain treffe den Nagel auf den Kopf, wenn er rundweg erkläre: "Der Freimaurer ist ein künstlicher Jude." Diesen später von Ludendorff aufgenommenen Aberwitz - der Initiationsritus der Logen sei eine symbolische Beschneidung - untermauerte Wichtl mit dem Hinweis auf "Die Geheimnisse der Weisen von Zion" aus dem Verlag "Auf Vorposten". Diese Fassung der "Protokolle der Weisen" kaufte Anfang der zwanziger Jahre auch der Berliner Publizist Binjamin Segel. Er staunte nicht schlecht, als er las, wie jüdische "Geheimbünde" die Parlamente unterwanderten, Wirtschaftskrisen auslösten, die "öffentliche Meinung" kontrollierten, ja die "Untergrundbahnen der Hauptstädte" für ihren Terror bauen ließen. Alles in allem wollten die ,Weisen' in naher Zukunft die Weltherrschaft erobern und ein Terrorregime errichten. Der verblüffte Segel hielt das erst für ein "antisemitisches Pamphlet", dann für eine überzogene "Satire auf den Antisemitismus". Wenig später kam er wieder zu seiner ersten Ansicht. Segel legte 1924 eine erste detaillierte Analyse der "Protokolle" vor: Ganze Passagen des Textes waren einer kaum bekannten Satire über die Machtpolitik Napoleons III. entnommen.

Das schillernde Bild der Macht, das die "Protokolle" abgeben, hat wiederholt die Frage aufwerfen lassen: Qui bono? Zwar beklagt Stephen Eric Bronner zu Recht eine verkürzte "postmoderne Sichtweise" auf die "Protokolle", die den Text als pure literarische "Fiktion" neben anderen liest, nicht besser und nicht schlechter. Aber es ist eben doch ihr fiktiver Charakter, der ihre Rezeptionsgeschichte an diesem Punkt wesentlich mitbestimmte. So befand Hannah Arendt in ihrer Totalitarismus-Studie, daß Haß das Interesse der Nazis für die "Protokolle" nur zum Teil erkläre, stärker noch sei eine "Bewunderung" für die "Methoden" der Weisen gewesen. Die "Protokolle" waren wie für die Nazis geschrieben: Arendt griff ein hartnäckiges Gerücht auf, das im Februar 1934 in der Behauptung der "Deutschen Freiheit" aus dem französisch verwalteten Saarbrücken gipfelte, ein anonymer "Naziführer-Emigrant" habe das "Hitler-Geheimnis" gelüftet. Punkt für Punkt befolge der Führer die "Protokolle" und komme nur dort nicht weiter, "wo die lückenhaften Pläne der Weisen von Zion ihn im Stich lassen". Hermann Rauschning behauptete später ähnliches.

Heute noch greifen dubiose Esoteriker auf Nesta Webster zurück, die 1921 die "Protokolle" nicht den jüdischen Verschwörern, dafür aber den wundersam überlebenden "Illuminaten" zugeschrieben hat. Wilson führt diese "Austauschbarkeit der Teufelsgruppe" bis auf eine abstrahierende Tendenz unserer Sprache zurück. So ist Ahasver für das Wandern der Verschwörungen ein Name, die Templer einfach ein anderer. Bis zur allgemeinen Einsicht, daß es in einer "kosmischen Verschwörung" überhaupt kein Zentrum mehr gibt, ist es freilich noch ein langer Weg. Aber es ist schon ein kleiner und wohltuender Schritt dorthin, daß man heute auch über deutsche Kulturkonspirateure ungestraft schmunzeln kann.

MICHAEL ANGELE

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