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Rezension: Sachbuch : Der dritte Mann

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Die jüdische Geschichte wirft Fragen von erstaunlicher Komplexität auf. Wer sind die Juden? Hat Moses sie geschaffen, als er ihnen am Sinai die göttliche Lehre brachte? Sind sie auch heute noch, über dreitausend Jahre danach, mit den Kindern Israel in der Bibel identisch? Hat, nach der Deutung der ...

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          Die jüdische Geschichte wirft Fragen von erstaunlicher Komplexität auf. Wer sind die Juden? Hat Moses sie geschaffen, als er ihnen am Sinai die göttliche Lehre brachte? Sind sie auch heute noch, über dreitausend Jahre danach, mit den Kindern Israel in der Bibel identisch? Hat, nach der Deutung der Orthodoxen, ihre Thora sie im Exil vor dem Untergang bewahrt? Oder hat, wie eine Sage des christlichen Mittelalters es will, der Fluch über den Gottesmördern sie zu "ewigen" Juden gemacht?

          Vor zwei Jahren trafen sich Historiker aus Europa, Israel und den Vereinigten Staaten, um auf Schloß Elmau über jüdische Geschichtsschreibung in der Gegenwart zu diskutieren (F.A.Z. vom 27. Juli 2000). Damit war die sakrale Zeit, die diesen Fragen ihre Tiefe verleiht, methodisch zwar ausgeblendet, aber auch der Rahmen einer säkularen Fachdisziplin kann das Feld nicht wirklich eingrenzen. Das macht jetzt der von Michael Brenner und David N. Myers hervorragend edierte Tagungsband sichtbar, der die Diskussionen dokumentiert. In sechs Kapiteln stellt er einige der Gegensätze vor, die diesen Forschungsbereich polarisieren.

          In einem der Kapitel - "Religion und Modernisierung" - wird die Grenzlinie zwischen sakralem und historischem Selbstverständnis thematisiert. Der Israeli Shmuel Feiner, der an der religiösen Universität Bar Ilan lehrt, stellt den Eintritt der Juden in die Neuzeit als einen traumatischen Kulturschock dar. Er führt zehn historische Werke an, die ihm als orthodoxen Juden geholfen haben, den schwierigen Weg nachzuvollziehen, und er macht auf den Schmerz aufmerksam, der überall in den Quellen aus dem achtzehnten Jahrhundert anklingt.

          Gelassener sieht es Steven M. Lowenstein aus Los Angeles. Als amerikanischer Jude ist ihm die Moderne eine Selbstverständlichkeit, und als Vertreter einer religiösen Minderheit ist er zu Kompromissen bereit, die er in einer pluralistischen Gesellschaft auch von der christlichen Mehrheit erwartet. Vollends objektiviert der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf schließlich das Thema. Sein Forschungsgebiet ist der deutsche liberale Kulturprotestantismus, und er schlägt vor, die Fragen der Modernisierung komparatistisch zu behandeln, um nicht den eigenen Vorurteilen ins Netz zu gehen.

          Diese Anordnung strukturiert alle Kapitel: Jeweils drei Vorträge zu einem vorgegebenen Thema nähern sich ihrem Gegenstand aus wachsender Distanz. Ein jüngerer Referent hält den einleitenden Vortrag, ein älterer Kollege antwortet auf seine Thesen. Ein Dritter, der kein Fachmann für jüdische Geschichte ist und zumeist auch kein Jude, kommentiert seine beiden Vorgänger.

          Die amerikanische Judaistin Susannah Heschel befreit in ihrer Gegenüberstellung von jüdischer Geschichte und Frauengeschichte die Jüdinnen aus dem feministischen Muster von Opfern und Heldinnen, Paula Hyman von der Yale University zeigt die theoretischen Grenzen der Gender-Studien auf, und Ute Frevert gibt einen historischen Überblick zur Geschlechtergeschichte.

          Im Kapitel "Zionismus und Nationalismus" stellt Amnon Raz-Krakotzkin aus Beerschewa eine provokante These der Schule vor, die man in Israel die Neuen Historiker nennt. Er zeigt, wie die zionistische Historiographie systematisch alle nichtjüdischen Aspekte der Landesgeschichte ausgeblendet hat. Dan Diner aus Jerusalem fügt hinzu, daß das nationale Selbstverständnis der Juden nicht im emanzipatorischen Westen, sondern im traditionelleren Osteuropa entstanden ist; und daß sich in diesem Geschichtsbild bis auf den heutigen Tag sakrale und säkulare Elemente die Waage halten. Als Dritter erweitert der Soziologe Rogers Brubaker aus Los Angeles wieder den Rahmen und gibt zu bedenken, daß sich in allen Nationalgeschichten sakrale Mythen finden.

          Am Thema des Zionismus wird deutlich, wie schwierig es ist, die "jüdische" Geschichte auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Ursprünglich hatte das sakrale Selbstverständnis der Juden ihre Rückkehr aus dem Exil auf messianische Zeiten verschoben. Erst mit dem Holocaust und der bald darauf folgenden Staatsgründung hatte man diese Vorbedingung aufgegeben - aber sind die Israelis und die Juden in der Diaspora noch immer miteinander identisch, gehören sie zu der gleichen "Nation"? Kompliziert wird die Frage durch die Tatsache, daß es im Judenstaat eine große nichtjüdische Minderheit gibt (von den besetzten Gebieten ganz zu schweigen). Nicht nur das Geschichtsbild der Juden, sondern auch ihre Identität ist gespaltener denn je.

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