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Rezension: Sachbuch : Der Beginn der Neuzeit findet nicht statt

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Spätmittelalter, Renaissance und Reformation in einem neuen Handbuch der europäischen Geschichte

          6 Min.

          Das historische Symboljahr 1500 wird traditionell als Wendemarke apostrophiert, die das Mittelalter von der Moderne scheidet. Danach setze die Neuzeit an, der Beginn der modernen Kultur, des modernen Staates und des neuen Selbstbewußtseins des modernen Menschen, der sich aus den Fesseln der mittelalterlichen Autoritäten befreit und seine Individualität, seine Würde entdeckt.

          Der Ursprung dieser Vorstellung einer Epochenwende liegt im 19. Jahrhundert, als Ranke und Burckhardt, Bezold und Troeltsch jene großen Geschichtswerke entwarfen, deren "metahistorischen" Hochmut nun einundvierzig Historiker aus neun Ländern durch Demut zu überwinden suchen. Die Herausgeber des "Handbuch der europäischen Geschichte 1400-1600", Thomas Brady, Heiko Oberman und James Tracy, sind von der Durchsetzungskraft ihrer ikonoklastischen Bestandsaufnahme der neuesten Forschung überzeugt. Das Jahr 1500, schreiben sie lapidar, könne heute ernsthaft nur noch von Inkunabelforschern als Wendemarke betrachtet werden. Inkunabeln, "Wiegendrucke", nennt man jene Bücher, die seit der Erfindung des Buchdrucks bis zum Jahre 1500 gedruckt wurden.

          Mit der Säge geforscht

          Mit der frischen Energie von Waldarbeitern, die mit modernen Motorsägen ausgerüstet sind, fällen die einundvierzig hochgewachsene, aber morsch gewordenen Bäume im Wald der Historiographie. Die abgeholzte Fläche soll einer neuen Geschichtsschreibung als Pflanzung dienen, die eines Tages, so hoffen die Herausgeber, zu neuen Leistungen und Einsichten führen werde. Ihr voluminöses Handbuch ist nicht nur Bestandsaufnahme, sondern zugleich wissenschaftliches Programm.

          Es wird gleich bei dem Start in den ersten Band des Handbuchs eingelöst, in dem der Rahmen und die Strukturen der Alltagswelt vorgestellt werden: zunächst die demographischen Voraussetzungen, dann die kleinen Gemeinschaften der Familie und des Haushalts, das Verhältnis von Mann und Frau und die Rolle des Kindes. Andere Kapitel befassen sich mit der in der agrarischen Gesellschaft dominanten Welt des Dorfes, mit den Strukturen von Handel, Geld und Kredit. Der Wandel der religiösen Mentalitäten wird nicht anhand der theologischen Schriften der geistlichen Eliten aufgezeigt, sondern an den "Elementen des Volksglaubens" exemplifiziert. Einbezogen in diesen Alltag der europäischen Gesellschaft wird auch die Situation der "Fremden im Innern", der Juden, sowie der Antijudaismus der Christen.

          Die weiteren Beiträge des ersten Bandes stehen unter dem Generaltitel "Politik, Macht und Autorität: Selbstbehauptungen". Darin geht es um die Kirche und die Konzilien im 15. Jahrhundert, um die Staaten Italiens im 16. Jahrhundert sowie um einzelne Länder und deren Herrscherhäuser: Frankreich von Karl VIII. bis Heinrich IV. beispielsweise, die Herrschaft der Ottomanen in Südosteuropa und die neuen "seegeborenen Reiche" mit ihren Eroberungen in Übersee. In diesen Beiträgen, die eher "konventionell" angelegt sind, werden nicht die Brüche, sondern die Kontinuitäten der politischen Geschichte des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts aufgezeigt.

          Des weiteren geht es um die "Kriegskunst", um die neue Rolle der Infanterie und das Aufkommen der mit Geschützen ausgestatteten Kriegsflotten. Dagegen wird der Rahmen der politischen und militärischen Konflikte dieser Zeit, in die die Fürsten Europas verstrickt waren, nicht eigens thematisiert. Ebensowenig wird die zeitgenössische Reflexion über die neuen politischen Verhältnisse dargestellt, wie sie sich in zahlreichen Schriften findet, etwa bei Machiavelli, Luther und Bodin bis hin zu Grotius. Es mag an der Konzeption eines "Handbuchs" liegen, daß auch die Leidenschaften, welche die Fürsten und Höfe antrieben und die beispielsweise von Huizinga für das Spätmittelalter so anschaulich beschrieben wurden, kaum erwähnt werden.

          Ebenso blendet das Handbuch die ganze Farbigkeit der europäischen Kultur des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts aus, wie sie sich in Musik, Literatur, bildender Kunst und Architektur niedergeschlagen hat und bis heute unsere Vorstellung jener Epoche prägt. Eine der tiefgreifendsten Veränderungen, deren nachhaltige Wirkung noch heute die Kultur Europas bestimmt, war die allmähliche Ablösung der gemeinsamen europäischen Latinität durch die Entstehung der neuen Nationalsprachen und Nationalliteraturen. Zu diesem Komplex liefert das Handbuch keinen eigenen Beitrag. Wie beispielsweise in London ein Dramatiker wie William Shakespeare auftauchen und für seine Stoffe ein Publikum finden konnte, bleibt unerklärlich und rätselhaft. Der Name Shakespeares wird nicht einmal erwähnt.

          Zweifellos sind beide Bände außerordentlich informativ, nicht zuletzt deswegen, weil die bibliographischen Zusammenfassungen einen Einblick in die ganze Breite der Forschungen zur "Frühen Neuzeit" ermöglichen. Eine internationale akademische Gemeinschaft von Forschern, die sonst nur auf Fachtagungen hinter verschlossenen Türen zusammenkommt, stellt sich hier der Öffentlichkeit. Aber die Abgeschiedenheit des Gelehrtendaseins scheint auf die Darstellung der Geschichte übertragen worden zu sein.

          Der zweite Band bringt Bewegung in die Geschichte. In der Einleitung findet sich in konzentrierter Form die eigentliche Konzeption dieser neuen Art europäischer Geschichtsschreibung. Auch ist der gesamte Band konzeptionell stringenter angelegt. "Visionen, Programme und Ergebnisse" lautet das Generalthema. Erscheinen die Beiträge des ersten Bandes eher wie zufällig aneinandergereiht, so werden die historischen Prozesse im zweiten Band aufeinander bezogen und zu einem "Abschluß" geführt.

          Unter "Visionen der Reform" werden zunächst die Ideen der "Reformatio" und der "Renovatio" vorgestellt, die im späten Mittelalter vor allem im Heiligen Römischen Reich entstanden und später in Reformation wie Gegenreformation aufgegriffen wurden. Es folgt ein Beitrag über die sich wandelnden Ordnungsvorstellungen der Juristen, der sich explizit auch zeitgenössischen Theorien widmet. Dem schließt sich ein Kapitel über die Humanisten an, denen eine Schlüsselstellung in der Zeit des Übergangs zukommt und die in dem Bewußtsein lebten, Zeugen einer Zeitenwende zu sein.

          Die zunächst nicht unsympathische "antiklassische" Grundhaltung des Handbuchs geht so weit, daß praktisch alle Texte von Autoren, die allgemein als "Klassiker" der Renaissance geführt werden, unbeachtet bleiben. Eine Ausnahme stellt der Beitrag über die "Stimmen der Reform von Hus bis Erasmus" dar. Hier werden sogar historische Persönlichkeiten vorgestellt, die in Wort und Schrift ihre Zeit beeinflußten. Ansonsten aber sieht es in diesem Handbuch so aus, als fänden sich im Spätmittelalter, der Renaissance und der Reformation wenig Persönlichkeiten. In den siebziger Jahren noch lasen jüngere Historiker begeistert die gewagte psychoanalytische Studie Erik Erksons "Der junge Mann Luther", die aus der Persönlichkeit des Reformators den Protestantismus als eine weltweite geistige Revolution ableitete. Das Interesse des Handbuchs an Personen ist dagegen ziemlich unterkühlt.

          Ausgiebig wird hingegen die reformatorische Bewegung behandelt. Einen Aufsatz über die Reformation Luthers ergänzen Beiträge über die "Volksreformation" und die "städtische Reformation" im Heiligen Römischen Reich. Abhandlungen über den Calvinismus als internationale Bewegung und über die "radikale Reformation" kommen hinzu, jene Bewegungen der Spiritualisten und Täufer, die sich von den Bewegungen Luthers und Zwinglis absetzten, weil diese ihr nicht weit genug gingen. Der Wandel erfaßte schließlich auch die katholische Welt, die in den neuen Orden ihre eigene Reformbewegung hervorbrachte. Das Handbuch stellt das 16. Jahrhundert insgesamt als Epoche der Reformation und der Gegenreformation dar, in bewußter Abkehr von überkommenen, konfessionell "eindimensionalen" Geschichtsbildern.

          Die geistigen, religiösen und kulturellen Bewegungen dieser zwei Jahrhunderte verdichten sich schließlich in recht unterschiedlichen Ausprägungen, die im letzten Teil des Bandes vorgestellt werden: das mehrkonfessionell gewordene Heilige Römische Reich etwa, das merklich aufgewertet wird; die Britischen Inseln, die in England die anglikanische Staatskirche und in Schottland die calvinistische Staatskirche hervorbrachten, während Irland katholisch blieb; Osteuropa, vor allem Polen, das lange Zeit von den Spannungen unter den konkurrierenden reformatorischen und gegenreformatorischen Bewegungen geprägt war; schließlich die Entstehung eines neuen nationalen Katholizismus in Spanien, der sich bewußt von dem Protestantismus Nordeuropas absetzte und doch diesem in der Intensität der Religiosität und der Strenge der neuen Lebensformen keineswegs unähnlich war. Die letzten Beiträge fassen all diese Entwicklungen zusammen. Sie beschreiben als ein gemeinsames, die Konfessionen übergreifendes Ergebnis die "neuen Muster des christlichen Lebens" in Europa und sehen in dem europäischen "Konfessionismus" eine politisch-religiöse Lebensform, die sich zumindest bis zum Westfälischen Frieden von 1648 als dauerhaft erwies.

          Disziplin durch Konfession

          Der Konfessionalismus wird nicht nur religiös, sondern zugleich politisch verstanden, als eine neue Form der Selbstorganisation der Staaten Europas und als Instrument der Sozialdisziplinierung der Bevölkerung dieser Länder. Mit Hilfe der neuen Konfessionen regelten und regulierten die Staaten Europas das private wie das öffentliche Leben. Das ist das verblüffende, vielleicht allzu "perfekte" Fazit der Geschichte dieser zwei Jahrhunderte. Von einer Erfolgsgeschichte des Fortschritts und der Freiheit kann kaum noch die Rede sein. Hexenwahn und Hexenverfolgung, die im Mittelalter noch wenig verbreitet waren, erreichten erst zur Zeit der Reformation und Gegenreformation ihren Höhepunkt. Das läßt an der Fortschrittlichkeit dieses Zeitalters zweifeln. So sehen es jedenfalls die Herausgeber des Handbuchs.

          Sie warnen vor vereinfachenden historischen Erklärungen. Man müsse versuchen, die Geschichte in "ausgewogener Sicht" darzustellen, schreibt Thomas Brady, müsse die langfristigen dynamischen Prozesse erfassen, ohne den Blick für die subjektiven Realitäten zu verlieren. Die neue Geschichtsschreibung versuche deshalb, "jede Idee, jeden Wert und jedes Handeln in dem Spannungsbogen zumindest zweier Stimmen" zu sehen: beispielsweise "der katholischen und der protestantischen, der lokalen und der nationalen, der reichen und der armen, der der Frau und der des Mannes". So bleibt alles relativ. Von jener großen Aufbruchstimmung der Humanisten, die glaubten, den Anbruch eines Goldenen Zeitalters zu sehen, haben sich ihre Nachfahren, die heutigen Historiker, weit entfernt. WILHELM RIBHEGGE

          Thomas A. Brady jr. / Heiko A. Oberman / James D. Tracy (Hrsg.): "Handbook of European History 1400-1600". Late Middle Ages, Renaissance and Reformation. Bd. 1: "Structures and Assertions"; Bd. 2: "Visions, Programs and Outcomes". Verlag E. J. Brill, Leiden/ New York/Köln 1994 und 1995. 709 und 721 S., geb., 100,- amerik. Dollar.

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