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Rezension: Sachbuch : Der Beginn der Neuzeit findet nicht statt

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Die geistigen, religiösen und kulturellen Bewegungen dieser zwei Jahrhunderte verdichten sich schließlich in recht unterschiedlichen Ausprägungen, die im letzten Teil des Bandes vorgestellt werden: das mehrkonfessionell gewordene Heilige Römische Reich etwa, das merklich aufgewertet wird; die Britischen Inseln, die in England die anglikanische Staatskirche und in Schottland die calvinistische Staatskirche hervorbrachten, während Irland katholisch blieb; Osteuropa, vor allem Polen, das lange Zeit von den Spannungen unter den konkurrierenden reformatorischen und gegenreformatorischen Bewegungen geprägt war; schließlich die Entstehung eines neuen nationalen Katholizismus in Spanien, der sich bewußt von dem Protestantismus Nordeuropas absetzte und doch diesem in der Intensität der Religiosität und der Strenge der neuen Lebensformen keineswegs unähnlich war. Die letzten Beiträge fassen all diese Entwicklungen zusammen. Sie beschreiben als ein gemeinsames, die Konfessionen übergreifendes Ergebnis die "neuen Muster des christlichen Lebens" in Europa und sehen in dem europäischen "Konfessionismus" eine politisch-religiöse Lebensform, die sich zumindest bis zum Westfälischen Frieden von 1648 als dauerhaft erwies.

Disziplin durch Konfession

Der Konfessionalismus wird nicht nur religiös, sondern zugleich politisch verstanden, als eine neue Form der Selbstorganisation der Staaten Europas und als Instrument der Sozialdisziplinierung der Bevölkerung dieser Länder. Mit Hilfe der neuen Konfessionen regelten und regulierten die Staaten Europas das private wie das öffentliche Leben. Das ist das verblüffende, vielleicht allzu "perfekte" Fazit der Geschichte dieser zwei Jahrhunderte. Von einer Erfolgsgeschichte des Fortschritts und der Freiheit kann kaum noch die Rede sein. Hexenwahn und Hexenverfolgung, die im Mittelalter noch wenig verbreitet waren, erreichten erst zur Zeit der Reformation und Gegenreformation ihren Höhepunkt. Das läßt an der Fortschrittlichkeit dieses Zeitalters zweifeln. So sehen es jedenfalls die Herausgeber des Handbuchs.

Sie warnen vor vereinfachenden historischen Erklärungen. Man müsse versuchen, die Geschichte in "ausgewogener Sicht" darzustellen, schreibt Thomas Brady, müsse die langfristigen dynamischen Prozesse erfassen, ohne den Blick für die subjektiven Realitäten zu verlieren. Die neue Geschichtsschreibung versuche deshalb, "jede Idee, jeden Wert und jedes Handeln in dem Spannungsbogen zumindest zweier Stimmen" zu sehen: beispielsweise "der katholischen und der protestantischen, der lokalen und der nationalen, der reichen und der armen, der der Frau und der des Mannes". So bleibt alles relativ. Von jener großen Aufbruchstimmung der Humanisten, die glaubten, den Anbruch eines Goldenen Zeitalters zu sehen, haben sich ihre Nachfahren, die heutigen Historiker, weit entfernt. WILHELM RIBHEGGE

Thomas A. Brady jr. / Heiko A. Oberman / James D. Tracy (Hrsg.): "Handbook of European History 1400-1600". Late Middle Ages, Renaissance and Reformation. Bd. 1: "Structures and Assertions"; Bd. 2: "Visions, Programs and Outcomes". Verlag E. J. Brill, Leiden/ New York/Köln 1994 und 1995. 709 und 721 S., geb., 100,- amerik. Dollar.

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