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Rezension: Sachbuch : Der Beginn der Neuzeit findet nicht statt

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Ebenso blendet das Handbuch die ganze Farbigkeit der europäischen Kultur des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts aus, wie sie sich in Musik, Literatur, bildender Kunst und Architektur niedergeschlagen hat und bis heute unsere Vorstellung jener Epoche prägt. Eine der tiefgreifendsten Veränderungen, deren nachhaltige Wirkung noch heute die Kultur Europas bestimmt, war die allmähliche Ablösung der gemeinsamen europäischen Latinität durch die Entstehung der neuen Nationalsprachen und Nationalliteraturen. Zu diesem Komplex liefert das Handbuch keinen eigenen Beitrag. Wie beispielsweise in London ein Dramatiker wie William Shakespeare auftauchen und für seine Stoffe ein Publikum finden konnte, bleibt unerklärlich und rätselhaft. Der Name Shakespeares wird nicht einmal erwähnt.

Zweifellos sind beide Bände außerordentlich informativ, nicht zuletzt deswegen, weil die bibliographischen Zusammenfassungen einen Einblick in die ganze Breite der Forschungen zur "Frühen Neuzeit" ermöglichen. Eine internationale akademische Gemeinschaft von Forschern, die sonst nur auf Fachtagungen hinter verschlossenen Türen zusammenkommt, stellt sich hier der Öffentlichkeit. Aber die Abgeschiedenheit des Gelehrtendaseins scheint auf die Darstellung der Geschichte übertragen worden zu sein.

Der zweite Band bringt Bewegung in die Geschichte. In der Einleitung findet sich in konzentrierter Form die eigentliche Konzeption dieser neuen Art europäischer Geschichtsschreibung. Auch ist der gesamte Band konzeptionell stringenter angelegt. "Visionen, Programme und Ergebnisse" lautet das Generalthema. Erscheinen die Beiträge des ersten Bandes eher wie zufällig aneinandergereiht, so werden die historischen Prozesse im zweiten Band aufeinander bezogen und zu einem "Abschluß" geführt.

Unter "Visionen der Reform" werden zunächst die Ideen der "Reformatio" und der "Renovatio" vorgestellt, die im späten Mittelalter vor allem im Heiligen Römischen Reich entstanden und später in Reformation wie Gegenreformation aufgegriffen wurden. Es folgt ein Beitrag über die sich wandelnden Ordnungsvorstellungen der Juristen, der sich explizit auch zeitgenössischen Theorien widmet. Dem schließt sich ein Kapitel über die Humanisten an, denen eine Schlüsselstellung in der Zeit des Übergangs zukommt und die in dem Bewußtsein lebten, Zeugen einer Zeitenwende zu sein.

Die zunächst nicht unsympathische "antiklassische" Grundhaltung des Handbuchs geht so weit, daß praktisch alle Texte von Autoren, die allgemein als "Klassiker" der Renaissance geführt werden, unbeachtet bleiben. Eine Ausnahme stellt der Beitrag über die "Stimmen der Reform von Hus bis Erasmus" dar. Hier werden sogar historische Persönlichkeiten vorgestellt, die in Wort und Schrift ihre Zeit beeinflußten. Ansonsten aber sieht es in diesem Handbuch so aus, als fänden sich im Spätmittelalter, der Renaissance und der Reformation wenig Persönlichkeiten. In den siebziger Jahren noch lasen jüngere Historiker begeistert die gewagte psychoanalytische Studie Erik Erksons "Der junge Mann Luther", die aus der Persönlichkeit des Reformators den Protestantismus als eine weltweite geistige Revolution ableitete. Das Interesse des Handbuchs an Personen ist dagegen ziemlich unterkühlt.

Ausgiebig wird hingegen die reformatorische Bewegung behandelt. Einen Aufsatz über die Reformation Luthers ergänzen Beiträge über die "Volksreformation" und die "städtische Reformation" im Heiligen Römischen Reich. Abhandlungen über den Calvinismus als internationale Bewegung und über die "radikale Reformation" kommen hinzu, jene Bewegungen der Spiritualisten und Täufer, die sich von den Bewegungen Luthers und Zwinglis absetzten, weil diese ihr nicht weit genug gingen. Der Wandel erfaßte schließlich auch die katholische Welt, die in den neuen Orden ihre eigene Reformbewegung hervorbrachte. Das Handbuch stellt das 16. Jahrhundert insgesamt als Epoche der Reformation und der Gegenreformation dar, in bewußter Abkehr von überkommenen, konfessionell "eindimensionalen" Geschichtsbildern.

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