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Rezension: Sachbuch : Der ausgedachte Gott

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Der "Tod Gottes" oder "das Ende der Religion" sind seit Nietzsche, seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts immer wieder beschworen worden, nicht zuletzt von "religiösen Intellektuellen" (im Sinne Max Webers) selbst. Den verschiedenen letzten Todesstößen, die Gott versetzt worden sind, wird nun - ...

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          Der "Tod Gottes" oder "das Ende der Religion" sind seit Nietzsche, seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts immer wieder beschworen worden, nicht zuletzt von "religiösen Intellektuellen" (im Sinne Max Webers) selbst. Den verschiedenen letzten Todesstößen, die Gott versetzt worden sind, wird nun - zur Jahrtausendwende - von Don Cupitt in "After God" ein allerletzter hinzugefügt.

          Daß es mit Gott und dem Gottesbewußtsein irreversibel vorbei ist, ist für den Autor, ehedem Priester der Church of England, einerseits eine höchst persönliche Erfahrung, eine "am eigenen Leibe" vollzogene. Die fünfziger Jahre waren ihm eine (letzte) Zeit der frommen Gläubigkeit und des täglich-intensiven Gebetsverkehrs mit Gott; schon die sechziger Jahre haben das - im Sinne von etwas nun nicht mehr Möglichem - "hinweggefegt". Andererseits sind es Postmoderne und Globalisierung, die aller herkömmlichen Religiosität die Atemluft entziehen. Und Cupitt wird nicht müde, die Diskontinuität dieses epochalen "nicht mehr" und "nicht mehr möglich" mit allen rhetorischen Mitteln zu "dramatisieren", und er meint damit weit mehr als ein "nicht mehr möglich" (bloß) für Intellektuelle. "Es ist der vielleicht schonungsloseste und plötzlichste kulturelle Bruch in der ganzen Menschheitsgeschichte." Die global-kulturelle Befindlichkeit läßt es nicht mehr zu, "eine kleine Gruppe von Sinninhalten" - innerhalb des weltweiten kommunikativen Marktes und Ideenflusses - dergestalt zu isolieren und zu privilegieren, daß man sie ausstattet mit dem Anspruch der Absolutheit oder der unbedingten und fundamentalen Gewißheit und sie darin "unverändert zu bewahren" sucht.

          Was solche "Unmöglichkeit" genauer besagt, bleibt bei Cupitt eher unbestimmt. Die Postmoderne - das ist der Weltmarkt der Möglichkeiten, die Auflösung alles für substantiell Genommenen und die zunehmend aus der Nähe schon sich aufdrängende Erfahrung, daß zu den eigenen Plausibilitäten und Legitimitäten fremde sich hinzugesellen, die immer neu zeigen, daß alles auch anders möglich und denkbar ist. In dieser neuen weltweiten Welt der Kontingenz ist, folgt man Cupitts Diagnose, eines allerdings unmöglich: daß die herkömmliche Religion überlebt, und Cupitt spricht ihr die Überlebenschancen gleich in vier Richtungen ab. Die Religion überlebt nicht in der Gestalt "sakralisierter" (unpersönlicher) Werte, wie sie ein sozialmoralischer Konservativismus in der öffentlichen Debatte unantastbar halten will. Die herkömmliche Religion kann ferner nicht überleben in privatisiert-"verhäuslichter" Gestalt und desgleichen nicht in der höchst persönlichen Glaubenssphäre "der individuellen Subjektivität": "Noch vor einer Generation galt Individualität als eine schwierige Aufgabe und als Ursache tiefer ontologischer Besorgnis. Doch jetzt müssen wir lernen, ein glückliches und sorgloses Nichts zu sein, wie der Zufall es will."

          Auch "das Individuum" - in seiner Singularität und Unmittelbarkeit zu Gott - ist "entzaubert" und Opfer der postmodernen Kontingenz. Schließlich Religion als "Gegenkultur"; hier allerdings reichert sich die Diagnose mit normativ-moralischen Untertönen an. In "fundamentalistischer" Gestalt soll oder darf die Religion nicht überleben; es ist dies eine "ethnisch-nationale" Gestalt des Religiösen, die zwischen "uns" und "anderen" einen fundamentalen Unterschied macht, wie er dem Geist der Postmoderne unbedingt zuwider ist. Diese "Gegenkultur"-Version der Zukunft der Religion ist für den Autor eine "Gefahr". Und so gerät dann die unerbittliche Diagnose zur Predigt, die ihren Hörern ans Herz legt, "daß wir die Postmodernität annehmen sollten", denn sie schützt zuverlässig vor der "gefährlichen" Versuchung des Fundamentalismus.

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