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Rezension: Sachbuch : Der Anwalt der Wirklichkeit

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Dem Zufall bei der Arbeit zusehen: so läßt sich wohl das Hauptthema im Werk von Krzysztof Kieslowski beschreiben. Doch in den Filmen des polnischen Regisseurs wüten Zufall und Schicksal nicht blind und nicht kalt, sondern gehorchen den Vorstellungen ihres Schöpfers. Nur scheinbar maßt jener sich damit göttliche ...

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          Dem Zufall bei der Arbeit zusehen: so läßt sich wohl das Hauptthema im Werk von Krzysztof Kieslowski beschreiben. Doch in den Filmen des polnischen Regisseurs wüten Zufall und Schicksal nicht blind und nicht kalt, sondern gehorchen den Vorstellungen ihres Schöpfers. Nur scheinbar maßt jener sich damit göttliche Macht an, denn die Parabeln, die Kieslowski mal melancholisch und mal humorvoll, aber nie unernst und nie zynisch erzählt, haben vor allem eines im Sinn. Sie berichten von Optionen im Leben, von existentiellen Entscheidungssituationen. Sie appellieren an den Möglichkeitssinn des Betrachters, und indem sie dies tun, integrieren sie den Betrachter in das ästhetische Konzept der verrätselten Werke.

          Vor fünf Jahren starb Kieslowski, und mit ihm verstummte eine der wichtigsten Stimmen der europäischen Filmkunst. Diese Stimme war zwar nicht laut, aber doch eindringlich. Sie klingt bis heute nach. Zwei Projekte hatten den Regisseur zuvor innerhalb von kürzester Zeit international berühmt gemacht. Dem "Dekalog", dem säkularen Bekenntnis zur Verbindlichkeit der Zehn Gebote, das noch in der Schlußphase des Sozialismus entstand, waren 1993-1994 die "Drei Farben" gefolgt. Jener Befragung der Parolen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf ihre aktuelle Bedeutung hin widerfuhr etwas, was dem europäischen Autorenkino sonst nur selten zugestoßen ist. Die mit französischem Geld hergestellten "Drei Farben" begeisterten nicht nur die Festivalkritik, sondern fanden auch die Gunst des Publikums, obwohl sie mit ihrer hochartifiziellen Filmsprache so überhaupt nicht den gängigen Erzählkonventionen gehorchten. Die skeptische Grundhaltung der Filme und ihre dramaturgische Offenheit schienen gut zu passen in die Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges.

          Wie eng die Beziehungen zwischen Kieslowskis Filmen und seiner Biographie dabei waren und wie sehr individuelle Erfahrungen sein Werk geformt haben, verdeutlicht jetzt die umfangreiche Monographie von Margarete Wach. Ausführlich zeichnet Wach die Stationen im Leben des Regisseurs nach, der, geboren 1941 in Warschau, nach dem Besuch der stilbildenden Filmhochschule in Lodz ab 1970 mit Dokumentarfilmen hervortrat. Kieslowski schuf Spiegelbilder von Bürokratismus und Mangelwirtschaft und vom mühseligen Leben der Menschen darin. Schon deshalb riefen die Filme fast ausnahmslos die Zensur auf den Plan. Den dokumentarischen Zugriff auf die Wirklichkeit behielt der Regisseur auch in seinen Spielfilmen ab Mitte der siebziger Jahre bei, die ihn neben Andrzej Wajda, Krzysztof Zanussi und Agnieszka Holland zu einem wichtigen Vertreter des "Kinos der moralischen Unruhe" machten. Dieses Kino eines engagierten und gegenwartsbezogenen, aber nicht einseitigen Realismus, der Mißstände anprangerte und die Augen öffnete für ihre deformierenden Wirkungen, endete 1981 abrupt mit der Verhängung des Kriegsrechts unter General Jaruzelski.

          Der sensible Beobachter Kieslowski, dessen Hoffnung auf politisch erreichbare Verbesserungen schon längst zerstört gewesen waren, geriet plötzlich zwischen die Fronten. Wach beschreibt, wie zur politischen Desillusionierung nun die persönliche Enttäuschung des Intellektuellen kam, der in der Emigration keine Lösung für sich sah und dessen Vertrauenswürdigkeit durch eine Kampagne untergraben wurde. "Mein Beruf ist nicht zu wissen, sondern nicht wissen" - ein solches Berufsverständnis und das Bemühen, der unabhängige Anwalt einer komplexen Wirklichkeit zu bleiben und eben nicht moralisch zu rechten, machten ihn für die Partei ebenso suspekt wie für die Opposition.

          Kieslowski reagierte darauf mit einer Wendung nach innen. Die "Wirklichkeit menschlicher Gefühle" wurde von nun an zum Gegenstand seiner Beobachtungen, und Zufälle wurden zu ihrem Katalysator. In enger Zusammenarbeit mit seinem Mitautor Krzysztof Piesewicz und dem Komponisten Zbigniew Preisner, deren Mitwirkung Wach unterstreicht, entfernte sich der Regisseur so weit von der dokumentarischen Ästhetik seiner früheren Filme, bis in der "Drei Farben"-Trilogie davon kaum mehr etwas zu spüren war. Letzte Fragen bestimmten diese Phase seines Werkes, das durch die zwei Jahre vor seinem Tod verkündete Entscheidung, keine Filme mehr machen zu wollen, noch zu Lebzeiten Kieslowskis den Status eines Spätwerkes erhielt.

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