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Rezension: Sachbuch : Der Adler als Ungeheuer

  • Aktualisiert am

Bernhard von Clairvaux blickte in die Sonne: Peter Dinzelbacher schaut ihm nicht in die Augen

          3 Min.

          "Ich bin die Chimäre meiner Zeit" - das Mittelalter kennt überhaupt nur einen Menschen, der sich eine solche Selbstbeschreibung zumessen konnte, den Abt Bernhard von Clairvaux (1090 bis 1153). Vielleicht noch bemerkenswerter ist, daß auch die moderne Geschichtswissenschaft dieses Wort als treffend empfindet, bündelt es doch hervorstechende Eigenschaften des berühmtesten aller Zisterzienser: das hochgemute Selbstbewußtsein eines religiösen Ratgebers, der Fürsten und Bischöfe, Könige und Päpste unter seine Autorität beugte und der als Wundertäter und wortgewaltiger Redner auf seinen Fahrten durch Europa ungezählte Menschen in seinen Bann schlug; die Demut des Mönchs, der sich als Ungeheuer sah, als Bastard der Kontemplation, weil er immer wieder in die Händel der Welt eingriff; ebendeshalb auch die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit des Intellektuellen, eines vermeintlich Modernen, der doch Mystiker war und mittelalterlich blieb. Eine solche Figur sehnt sich geradezu, so sollte man meinen, nach der Feder eines Biographen, zumal der heilige Bernhard überreiche Zeugnisse über sich selbst hinterlassen hat.

          Die neue kritische Edition umfaßt acht stattliche Bände, theologische Traktate und fromme Erzählungen, Predigten vor allem und mehr als ein halbes Tausend Briefe. Darunter befindet sich der über Jahrzehnte hin entstandene und zu seiner Zeit wie ein Fortsetzungsroman verschlungene Kommentar zum "Hohen Lied" der Bibel oder die gelehrt-gehässige Auseinandersetzung mit dem Philosophen Peter Abaelard, der sich, nicht weniger ehrgeizig als Bernhard, selbst Genie zuschrieb (und dies zu Recht), oder etwa die schroffe Zurückweisung, mit der der Abt von Clairvaux die fromme Visionärin Hildegard von Bingen abfertigte, die ihn doch selbst als "in die Sonne blickenden Adler", gar als Führer der Welt zum Heil tituliert hatte. Neben diesen eigenen Werken Bernhards stehen mehrere Lebensbeschreibungen von Autoren, die ihn gekannt hatten, ganz zu schweigen von der Fülle der weitgestreuten Zeugnisse Dritter, die den Umkreis seines Wirkens markieren. Trotz dieser Quellenlage, die in früheren Zeiten ihresgleichen sucht, fehlt bisher eine zeitgerechte Lebensgeschichte Bernhards. Was vorliegt, sind entweder auf Faktendichte angelegte Werkmonographien oder Lebensbilder, meist von Ordensbrüdern des Heiligen verfaßt.

          Der Stuttgarter Mediävist Peter Dinzelbacher hat nun, rechtzeitig zum Jubiläumsjahr des Zisterzienserordens, ein Buch drucken lassen, das sich selbst der ersten Gruppe zuordnet. Dinzelbacher erzählt Bernhards Vita also nicht eigentlich, sondern er kommentiert Lebensstationen und literarische Hinterlassenschaft des Zisterzienserabtes chronologisch in einundsiebzig Kleinkapiteln, dabei eifrig bemüht um den Nachweis der historischen Zeugnisse und der neuesten Forschungsliteratur in mehr als 3000 Anmerkungen. Das Buch eignet sich deshalb besser zum Nachschlagen, fortlaufend lesen kann man es kaum.

          Hat Dinzelbacher Bernhard "verstanden"? Überall dort, wo es um historische Deutung seines Helden geht, läßt er den Leser allein, ohne dessen Herz und Verstand in Bewegung zu setzen. Zwar spricht er von der bernhardinischen Epoche als "Achsenzeit der europäischen Geschichte", doch verstreut er die Gründe für diese These über sein ganzes Buch, gibt ihr in Auseinandersetzung mit abweichenden Auffassungen kaum Profil. Ist denn das hohe Mittelalter wirklich der Aufbruch zum Individualismus und die europäische Wegmarkierung zur Moderne? Was hat es auf sich mit der emotionsgeschichtlichen Zäsur in der Geschichte der Liebe, die in die gleiche Zeit fallen soll?

          Um Bernhard schließlich doch im ganzen zu bewerten, bemüht Dinzelbacher den großen Historiker der Aufklärung, Edward Gibbon. Doch hatte nicht gerade Gibbon in Askese und Mönchtum des Mittelalters vorwiegend gefährliche Kräfte gesehen, die die politische Ordnung untergruben? Wenn er von Bernhard sagt, Witz und Eloquenz fehlten in dessen Werken nicht, er scheine soviel Vernunft und Menschlichkeit bewahrt zu haben, wie mit dem Charakter eines Heiligen vereinbar sei, spricht daraus bei allem Respekt eine Skepsis, die ganz offenbar Dinzelbachers eigene Einstellung zu dem heiligen Mönch verfehlt.

          Woran liegt es, daß hier wie so auch sonst oft einem Fachhistoriker eine Biographie nicht gelingen wollte? Dinzelbacher gibt selbst den entscheidenden Hinweis im Nachwort. Die Geschichtsschreiber vergleicht er mit Baumeistern, deren Steine aus alten Gebäuden stammen, die wiedererrichtet werden sollen. Bisweilen kämen im Forschungsprozeß neue Steine zutage, andere würden verworfen, jede Zeit aber müsse ihre eigene Rekonstruktion versuchen. Hier wird behauptet, die Bausteine der Geschichtswissenschaft, die Quellen also, blieben sich immer gleich, wenn einmal Wahres vom Falschen geschieden sei; träfe dies zu, dann könnte es aber nur eine richtige Rekonstruktion geben, der Meister der Historiographie wäre der Entdecker des eigentlichen Bauplanes. Tatsächlich läßt sich Geschichte aber nur nach individuellen Entwürfen schreiben, die den Steinen einen je neuen Platz im gedachten Bauganzen zuweisen und diese selbst durch Einpassung verändern. MICHAEL BORGOLTE

          Peter Dinzelbacher: "Bernhard von Clairvaux". Leben und Werk des berühmten Zisterziensers. Primus Verlag, Darmstadt 1998. 497 S., 12 Abb., geb., 78,- DM.

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