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Rezension: Sachbuch : Denn was ich froh, aus vollem Herzen sprach

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Das klang zurück aus deinem holden Leben: Fragmente einer Sprache der Liebe im Islam

          Nichts ist exotischer als die exotische Liebe. Wollte man sich an so unterschiedliche Geister wie Gustave Flaubert und Paul Bowles halten, läßt sich im Orient wiederfinden, was der Sexualität im Abendland ausgetrieben wurde. Doch wir glauben ihnen nicht mehr, obwohl wir sie in einem Punkt durchaus bestätigen könnten: Eine Kultur ist kaum intensiver zu erfahren als durch den Einblick in ihr privates Leben, so daß Wissenschaft und Voyeurismus zuweilen ununterscheidbar ineinandergreifen. Was am Ende jedoch zählt, sind nicht die Motive, sondern das Ergebnis. Daran müssen sich auch zwei neue Bücher über die Liebe im Islam messen lassen, die "Enzyklopädie" des französischen Anthropologen Malek Chebel und Steffen Strohmengers ethnographische Studie aus Kairo.

          Dem im Westen verbreiteten Bild des Islams zum Trotz weist die von Mohammed gestiftete Religion traditionell ein vergleichsweise unbefangenes Verhältnis zu Liebe und Körperlichkeit auf. Lust gilt als Geschenk Gottes, und die Sexualität ist integraler, genau kodifizierter Bestandteil des islamischen Menschenbildes. Selbst die nach religiösem Gesetz verbotenen Sexualpraktiken hatten in den Blütezeiten der islamischen Zivilisation immer einen Platz im öffentlichen Leben und in der Literatur. Eine "Histoire de la sexualité" in der islamischen Welt wäre daher ein ebenso vielversprechendes wie anspruchsvolles Unterfangen. Das Material unzusammenhängend und ohne historische Perspektiven nach Art eines Lexikons darzubieten nimmt sich dagegen eher fragwürdig aus. Geradezu abenteuerlich wird es jedoch, wenn, wie bei Chebels "Enzyklopädie", ein solches Lexikon von einem einzigen Autor verfaßt ist.

          Kein Wunder also, daß an diesem Werk nur das Zettelkastenprinzip enzyklopädisch ist. Für jedes Stichwort hat Chebel im Normalfall drei Zettelchen vorgesehen. Auf dem ersten steht eine ausführliche allgemeine Definition des jeweiligen Begriffs, die den Leser erst einmal aufklären soll. Wer aber schon weiß, was ein "Orgasmus" ist, der kann die erste Hälfte dieses und der meisten anderen Artikel getrost überlesen. Etwa ein Drittel des Buches besteht aus wer weiß wo abgeschriebenen Anfangsgründen der sexuellen Aufklärung. Auf dem zweiten, meist kürzesten Zettelchen ist vermerkt, daß man auch in der islamischen Welt von dem betreffenden Sachverhalt schon einmal gehört hat: "Unter arabischen Ärzten war das Phänomen des Orgasmus seit langem bekannt." Wer hätte das gedacht? An derart erhellende Sätze schließt ohne Umschweife das dritte Zettelchen an: "Die folgende wissenschaftliche Beschreibung aus dem zehnten Jahrhundert veranschaulicht dies." Mit dem nun dargebotenen ausführlichen Zitat über die Mechanik des Orgasmus beim Tier verabschiedet sich Chebel. Und so geht es in nahezu allen Artikeln.

          Es wäre gar nichts dagegen einzuwenden, daß ein solches Werk eine Zusammenschau von Bekanntem bietet. Aber wer derartiges unternimmt, sollte einen ungefähren Überblick über die Fachliteratur und einen Hauch Problembewußtsein mitbringen. Doch Chebels Nonchalance läßt ihn selbst die Vorarbeiten übersehen, die seinem ostentativen Bedauern über den männlichen Blick der islamischen Erotica entgegenkämen. Stichwort Vulva, arabisch "Fardj": Zwar bezeichnet das arabische "Fardj" heutzutage das weibliche Geschlechtsteil, aber dies war keineswegs immer der Fall. Fethi Benslama hat darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Wort ursprünglich für beide Geschlechter gebraucht wurde und gleichsam die soziale und existentielle Achillesferse des Menschen, die zu hütende Scham, bezeichnete. Chebel übersieht diesen bemerkenswerten und für die Herabsetzung der Frau charakteristischen Bedeutungswandel von "Fardj" zu einem Wort, das allmählich nur noch für das weibliche Geschlechtsteil gebraucht wurde, und zitiert statt dessen wieder einmal aus "Tausendundeiner Nacht".

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