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Rezension: Sachbuch : Denn man muß dem Weichen seine Weisheit erst entreißen

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Reichlich unverstanden aber ist das Wasser nach wie vor in den Biowissenschaften. Während alle Welt Genom und Proteom erforscht, liegt die Umgebung, in der diese in der Zelle operieren, noch in erstaunlichem Maße im dunkeln. Computersimulationen von Biomolekülen hängen sehr empfindlich von dem verwendeten Wassermodell ab, für das es wegen der einerseits kurzreichweitigen Kräfte, die andererseits über größere Distanzen strukturprägend wirken, keine Patentlösungen gibt. Wasser, das macht Ball mit Nachdruck deutlich, ist nicht nur ein Medium für Lebensvorgänge, sondern ist selbst ein überaus aktiver Partner des Lebens. Das unscheinbare H2O ist ein ausgewachsenes Biomolekül. Wenn Ball fast beiläufig die Proteinfaltung beschreibt, wie Wasser die langen Ketten aus Aminosäuren sich zu funktionstüchtigen Proteinen falten läßt und einen Teil von ihnen in Membranen zwingt, dann bereichert er das große, um ein kleines Molekül entworfene Wissenspanorama ebenso mit souveräner Hand wie bei seinem Streifzug durch das Planetensystem auf der Suche nach Wasser. Nebenbei bemerkt: Es findet sich sogar in der Sonne, und die lebenswichtige Frage lautet also "nicht, ob irgendwo Wasser vorhanden ist, sondern ob es flüssig ist". Lediglich der Parforceritt durch die gesamte abendländische Materietheorie, bei der Ball an den Vorstellungen der griechischen Antike kein gutes Haar lassen mag, kommt etwas ungehobelt daher.

Was fehlt in diesem umfassenden Porträt des Wassers, das mit einer angenehm unaufgeregten Behandlung der politischen Dimension der weltweiten Wasserversorgung endet, sind die zahllosen kulturgeschichtlichen Bezüge. Doch allein die Darstellung des Wassers in der bildenden Kunst wäre ein eigenes Mammutprojekt. Ball läßt es bei eingestreuten literarischen Zitaten bewenden, und diese Bescheidenheit hat dem Werk nicht geschadet; es liefert Wissenschaftsjournalismus bei vier Grad Celsius: sehr dicht und britisch kühl geschrieben. Der naturwissenschaftlichen Betrachtung stärker einfügen dürfen hätte man die sinnlichen Qualitäten des Wassers, wie es sich anfühlt - als Wasser, Dampf oder Eis -, wie es riecht und schmeckt. Herr Geiser, den Max Frisch erst neun, dann sechzehn Arten des Donners aufzählen läßt ("usw."), hätte gewiß auch die Tonarten des Regens erfassen können, das je charakteristische Knacken des Eises und das Brausen und Tosen des Meeres. Solche Schilderungen überläßt man tatsächlich am besten den Literaten, John von Düffel etwa, der die Sinnlichkeit des Wasser so herrlich zum Sprechen gebracht hat.

Während die Philosophen noch streiten, ob Wasser nun H2O ist oder nicht (Hilary Putnam hat diese Diskussion in der Bedeutungstheorie mit dem Entwurf einer Zwillingserde ausgelöst, auf der alles wie bei uns ist, aber Wasser aus einem ganz anderen Molekül besteht), hat Philip Ball das "blaue Gold" auch für Laien so weitgehend durchleuchtet, daß sich die simple chemische Strukturformel nach der Lektüre fast als Wissenschaftsikone darstellt. Die Entzauberung des Wassers verbindet er am Ende mit dem Wunsch, "die Verehrung" zu behalten und sogar zu steigern. Der Leser steigt gewiß nicht in den gleichen Fluß zurück.

Philip Ball: "H2O". Biographie des Wassers. Aus dem Englischen von Helmut Reuter. Piper Verlag, München/Zürich 2001. 476 S., 32 Abb., geb., 44,- DM.

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