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Rezension: Sachbuch : Das weibliche Rittertum in voller Blüte

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Markgräfin Mathilde wollte kein Mauerblümchen mehr sein / Von Rudolf Schieffer

          Vom Gang nach Canossa, den König Heinrich IV. im Winter 1076/77 unternahm, ist in dem neuen Buch von Paolo Golinelli allenfalls zwanzig Seiten lang die Rede, von der damaligen Herrin der Burg, der berühmten Markgräfin Mathilde von Tuszien (1046 bis 1115), immerhin zweihundert Seiten, und bevor sie die Bühne betritt, geht es auf den ersten hundert Seiten um ihre Vorfahren auf dem Berge, die sich bis ins mittlere zehnte Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Wesentlich treffender ist daher der Titel der italienischen Originalausgabe von 1991, der wörtlich übersetzt lautet: "Mathilde und das Geschlecht derer von Canossa im Herzen des Mittelalters".

          Bereits ein lateinisches Lobgedicht des Mönchs Dorizo aus Mathildes Todesjahr sah die Markgräfin als Gipfelpunkt in der Entwicklung ihrer Familie, die eine ausgedehnte Herrschaft in der Emilia und der Toscana aufgebaut und durch Heirat mit dem Herzogtum Lothringen verknüpft hatte. Die erste Hälfte der rund 2800 Verse handelt von den früheren Herren von Canossa, die zweite dann nur von Mathilde. Dieses Werk, häufig in Übersetzung wiedergegeben, dient Golinelli als Leitfaden, an dem entlang er seine Darstellung entwickelt. Er versteht zu erzählen, bemüht sich um Anschaulichkeit und Quellennähe, erläutert (oder umgeht) schwierige Begriffe und kommt dem Leser durch eine Einteilung in vierzig abgeschlossene Lektionen entgegen, die jeweils nur ein paar Seiten ausmachen.

          Umsichtig nähert er sich Mathilde, die als Freundin und Helferin der Reformpäpste, zumal Gregors VII., schon in den zeitgenössischen Quellen ein ganz widersprüchliches Echo fand. Mit Sympathie beschreibt er nicht nur ihr politisches Handeln, sondern auch ihr persönliches Geschick: zwei unglückliche Ehen, Kinderlosigkeit und wachsende Zukunftssorgen im Alter. Immer wieder sucht Golinelli dabei auch ihr Denken und Fühlen zu vergegenwärtigen, ohne dabei ins Romanhafte abzugleiten. Zwischendurch erfährt der Leser manches über das höfische Leben, das Kriegswesen oder die Laien- und Frauenbildung der Zeit, und auch Golinellis Kenntnis der italienischen Schauplätze kommt dem Werk zugute.

          Das insoweit empfehlenswerte Buch ist freilich nicht die umfassende wissenschaftliche Biographie, die seit langem vermißt wird und wohl erst dann zu schreiben sein dürfte, wenn in Kürze die Urkunden und Briefe der Markgräfin in kritischer Edition vorliegen. Demgegenüber erschöpft sich Golinelli auf weite Strecken im gefälligen Referieren und hat es vor allem nicht vermocht, die große Zahl von allgemeinhistorischen Informationen, die für den Verständniszusammenhang nötig sind, konsequent aus dem Horizont der Hauptperson heraus zu entwickeln.

          So kommt es, daß er den biographischen Duktus immer wieder unterbricht für Belehrungen über die "große Geschichte", bei denen sich obendrein zeigt, daß er auf dieser Ebene weniger sattelfest ist. Neben allerlei kleinen Schnitzern begegnet man auch recht groben Irrtümern wie etwa der Behauptung, der in Sutri 1046 abgesetzte Papst Gregor VI. sei vorher von Kaiser Heinrich III. durch Simonie eingesetzt worden, oder der Vorstellung, im Investiturstreit sei es darum gegangen, ob der Papst anstelle des Kaisers die Bischöfe einsetzen dürfe (was sich Gregor VII. nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hat und was ohnehin praktisch undurchführbar gewesen wäre). Abstrus auch der Gedanke, Heinrichs IV. Tod in Lüttich 1106 sei "fern von Deutschland" und somit ähnlich wie der Gregors VII. 1085 "im Exil" eingetreten.

          All dies stand schon in der italienischen Fassung von 1991 zu lesen, und es spricht nicht gerade für Autor, Verlag und Übersetzer (der in rein sprachlicher Hinsicht seine Sache gut gemacht hat), daß die Gelegenheit der deutschen Ausgabe ungenutzt blieb, wenigstens einige ins Auge springende Mängel auszubügeln. Verunstaltete deutsche Ortsnamen wurden genauso übernommen wie der falsche Geburtstag Kaiser Heinrichs V. und ein gleichfalls falscher Todestag Papst Urbans II. Bezeichnend ist, daß man im Anmerkungsapparat, der auf den letzten zwanzig Seiten dem Leser weiterhelfen soll, auf einen Titel stößt, von dem es vor sieben Jahren hieß: "in corso di stampa", was nun brav übersetzt wird: "im Druck", obgleich das Werk seit 1992 vorliegt, was leicht zu ermitteln gewesen wäre.

          Paolo Golinelli: "Mathilde und der Gang nach Canossa". Im Herzen des Mittelalters. Aus dem Italienischen von Antonio Avella. Verlag Artemis & Winkler, Düsseldorf, Zürich 1998. 344 S., Abb., geb., 48,- DM.

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