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Rezension: Sachbuch : Das Verlangen kam nicht mehr die Treppen hoch

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Die letzten Tagebücher Julien Greens / Von Arnold Stadler

          Es gibt Staaten, die haben nicht einmal eine Olympiamannschaft, kein eigenes Bier und nicht einen Bankomaten. Und Menschen gibt es, die mit 97 Jahren noch erröten vor Glück und immer noch an Gott glauben und darüber auch noch Tagebuch führen. Eine derart seltene Erscheinung war Julien Green, der am 6. September 100 Jahre alt geworden wäre. Leider war es ihm nicht vergönnt, anders als Ernst Jünger, dem Tagebuch auch noch dieses Datum zu melden. Denn im August 1998 starb Green und hinterließ das umfangreichste Tagebuch, das in diesem Jahrhundert veröffentlicht wurde. Im Jahr seines ersten Romans, "Mont-Cinère" (1926), dessen Veröffentlichung den fünfundzwanzig Jahre alten Green sogleich zu einer Berühmtheit machte, begann er das Tagebuch-Projekt.

          Wie auch immer: diese knapp 400 Seiten, vom 17. Februar 1996 bis zum 1. Juli 1998, sind die letzten. Ich habe mich also mit einer Art Testament zu befassen, herausgegeben, mit Anmerkungen versehen und wunderbar übersetzt von Elisabeth Edl. Am 1. Juli, dem ersten Tag des zweiten Halbjahres, wurde früher der Kalender umgedreht, kein Zufallsdatum, und ich wollte als neugieriger Mensch erst einmal wissen: Wie hört er auf? Was ist sein Schlußsatz? Ein Schriftsteller, der sich mögliche letzte Sätze ausdenkt, war Green eigentlich nicht. Er enttäuschte mich nicht: "Die Ereignisse sind im Innern." Ein merkwürdiger Satz, gewiß, aber noch einmal das Ganze im Fragment. Doch ich muß nun damit leben, daß es keine Tagebücher mehr geben wird von Julien Green, Sela, Psalmenende.

          "Ich habe fast ein ganzes Jahrhundert durchschritten, und in meinem Innersten möchte ich es ein entsetzliches Jahrhundert nennen . . . Was für ein grauenvoller Ort die Erde ist! Was für ein Wunder das Leben! Zwischen diesen beiden Feststellungen schlüpft der Mensch hindurch. Sein Traum ist paradiesisch, aber seine Perversität treibt ihn dazu, diesen in einen Albtraum zu verwandeln. Gott ist die einzige Zuflucht", schreibt er am 29. Juli 1996. Das ist eine Kurzfassung des sogenannten Weltbildes von Green. Aber was hätte der Molekularbiologe James Watson, dessen Aufsatz "Warum wir Gott nicht mehr die Zukunft des Menschen überlassen dürfen" am 26. September (dem 111. Geburtstag des Zivilisations-, Technik- und Machbarkeitskritikers Martin Heidegger) in dieser Zeitung erschien, dazu zu sagen? Greens Tagebuch wäre für ihn wohl nicht viel mehr als ein kleines Ärgernis. Und was hätte Green zu Watsons Thesen (Verhinderung der Geburt schwerbehinderter Kinder zum Beispiel) gesagt, die von führenden NS-Eugenikern nicht viel anders formuliert worden waren? Green, zeitlebens ein Gegner der Todesstrafe, hätte in seiner schönen Handschrift vielleicht notiert: "Heute höre ich den schweren Schritt von BIG BROTHER hereinschreiten. Man will unser Glück in die Hand nehmen . . . Man wird, kurz gesagt, das weltweite Einheitsmenü überliefern" (17. April 1997). "Der Schatten von BIG BROTHER wird länger an der Wand" (12. Februar 1998).

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