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Rezension: Sachbuch : Das ungeschriebene Leben

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Mit seinem lange erwarteten und dann doch nicht mehr geschriebenen Roman wurde der große Verstummer Wolfgang Koeppen zum lebenden Mythos des deutschen Literaturbetriebs. Jetzt hat sich eine aufwendige Studie dieses bedeutenden Nicht-Werkes angenommen. Es handelt sich keineswegs um Philologie im luftleeren Raum, ...

          Mit seinem lange erwarteten und dann doch nicht mehr geschriebenen Roman wurde der große Verstummer Wolfgang Koeppen zum lebenden Mythos des deutschen Literaturbetriebs. Jetzt hat sich eine aufwendige Studie dieses bedeutenden Nicht-Werkes angenommen. Es handelt sich keineswegs um Philologie im luftleeren Raum, sondern um die Rekonstruktion des Stoffes, den Koeppen zur Verarbeitung vorgesehen hatte: seine eigene widerspruchsvolle Lebensgeschichte in den Jahren des "Dritten Reichs". Aus den überlieferten Fragmenten und Handlungsskizzen läßt sich ersehen, wie nah er an der eigenen Biographie entlangschreiben wollte. Diesem Roman auf der Spur, bietet Jörg Döring die bisher gründlichste Erkundung des Autors in den Jahren 1933 bis 1948.

          Nie wurde Koeppen ein Parteigänger Hitlers, aber er wollte auch nicht als Gegner des Regimes gelten, denn zum Helden war der Melancholiker nicht geschaffen. Vielleicht hatte er dem NS-Staat anfangs sogar gewisse Perspektiven zugestanden. Aber viel mehr als der Nationalsozialismus beschäftigte ihn in diesen Jahren "Eine unglückliche Liebe", wie der Titel seines ersten, stark autobiographischen Romans von 1934 lautete. Das Unglück hatte einen Namen: die junge jüdische Schauspielerin Sybille Schloß, ein Gelegenheitsfotomodell, unerreichbar für den immer ein wenig verstört wirkenden Koeppen, der mit masochistischer Geduld eine Abfuhr nach der anderen kassierte und die angehimmelte Frau auch im Roman Sybille nannte.

          Döring hat die heute Neunzigjährige in New York interviewt. Derart begehrt zu werden, habe ihr natürlich geschmeichelt, verrät sie nicht ohne schmunzelnde Koketterie: "Aber den Wolfgang, den wollte ich partout nicht, den hättest du mir um den Bauch binden können . . . Er war ein guter Freund." In sublimierter Romanform stieß Koeppens Leidenschaft auf mehr Gegenliebe. In späteren Jahren arbeitete Frau Schloß in der deutschen Abteilung einer New Yorker Buchhandlung; immer wenn ein Kunde nach einer "True-Romance-Story" fragte, habe sie "Eine unglückliche Liebe" empfohlen: "Wer weiß, vielleicht bin ich ja diejenige, die das Buch weltweit am meisten verkauft hat."

          Ersatzweise ließ sich Koeppen auf eine Affäre mit der Frau eines SS-Offiziers ein, wie man dem Erzählfragment "Zwart Water" in autobiographischer Lesart entnehmen kann. Um der Bedrohung durch den Gehörnten auszuweichen, ging er ins freiwillige "Exil" nach Holland. Die Kritiken der "Unglückliche Liebe" ließen ihm eine Rückkehr dann nicht geraten erscheinen. Zwar war der Roman durchaus unpolitisch, aber linientreue Rezensenten fanden immer noch zuviel Dekadenz: "schwächliche Kreaturen" und Weimarer "Bordellatmosphäre". Auf der anderen Seite setzte die emigrierte Linke Koeppen unter Druck, indem sie ihn als einen der ihren outete, der aus Anpassungsgründen in harmlose Liebesthematik ausgewichen sei.

          So blieb er bis 1938 in Holland, und zur Depression dieser Jahre trug erneut Sybille Schloß bei. Er lud sie zu sich ein; sie kam und eroberte im Sturm - allerdings nicht ihn, sondern den Sohn seiner Gastgeber, der bis dahin als homosexuell gegolten hatte. Bald wurde geheiratet, Koeppen stand daneben, wieder einmal "von Traurigkeit gelähmt". Immer dringlicher wünschte er sich, nach Deutschland zurückzukehren. Koeppen wollte sich nicht als Schriftsteller kompromittieren und bemühte sich um Arbeit beim deutschen Film.

          Hier widerlegt das Buch einige Legenden, zu denen Koeppen einen guten Teil selbst beigetragen hat. Zunächst hatte er nämlich deutlich mehr im Sinn, als sich bloß "klein" zu machen und "unterzustellen". Nicht ein namenloser Zuarbeiter wollte er sein, wie er es sich später gutschrieb, sondern eine Art Autorenfilmer; er war ambitioniert und setzte künstlerische Hoffnungen auf das Kino. In aller Klarheit beweist das ein langer Koeppen-Brief aus dem Nachlaß von Herbert Ihering. Der Kritiker hatte mittlerweile einen leitenden Posten bei einer Filmgesellschaft. Im Juli 1938 wandte sich Koeppen mit seinen Ideen an ihn. Bemerkenswert, wie dem scheinbaren Einzelgänger beruflich immer wieder ein Netzwerk von Freunden zur Verfügung stand, zum größten Teil bereits in der Zeit der journalistischen Anfänge geknüpft.

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