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Rezension: Sachbuch : Das Tier benimmt sich unmöglich

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Auf die Natur passen die Maßstäbe der Evolutionstheorie nicht: Burkhard Müller weist Darwin zurecht / Von Thomas Steinfeld

          Sechzig Tage lang steht der männliche Kaiserpinguin in der Polarnacht, still wie eine Säule, "ein Vogel, fast so groß wie ein Mensch, aber gedrungener". Der Sturm zaust ihm die Federn. Das Eis kriecht ihm unter die Haut. Aber er steht, und in seiner Hautfalte birgt er das einzige Ei. "Keinen Schritt darf er machen, und er bekommt keinen Bissen." Dann endlich, beim ersten Licht des Frühjahrs, naht sein Weib aus großer Ferne und bringt ihm einen Fisch. Warum tut sie das, und warum tut er das, und woran erkennen sich die beiden, "da sie doch in der unvorstellbaren Feindseligkeit dieser südlichsten Welt scheinbar allen Unterschied der Geschlechter und der Individuen zugunsten einer mönchischen Gleichform aufgegeben haben"? Die Biologie lehrt, daß ein "Kampf ums Dasein" den scheinbar so tolpatschigen Vogel mit der weißen Hemdbrust auf das Eis getrieben habe, und weil dort nur überleben könne, was dafür gerüstet sei . . . Charles Robert Darwin hatte die Theorie von der natürlichen Zuchtwahl 1859 in die Welt gesetzt, und seit dem späten neunzehnten Jahrhundert ist dieser Lehre noch von christlichen Fundamentalisten, kaum aber von Naturwissenschaftlern widersprochen worden - allerdings war der Biologie erst mit dieser Lehre der Aufstieg zur akademischen Disziplin gelungen.

          Als Burkhard Müller seine "Kritik des Christentums", eines der klügsten philosophischen Bücher der vergangenen Jahre, veröffentlichte (F.A.Z. vom 21. Juni 1996), verteidigte er sich am Ende gegen den zu erwartenden Vorwurf der fehlenden Wissenschaftlichkeit. Denn Müller ist weder Theologe noch Philosoph und schon gar kein Intellektueller im öffentlichen Dienst. In ihm setzt sich die lange, aber dünne Reihe der antiakademischen Denker in Deutschland fort, die mit dem Widerstand gegen die Verwandlung der Philosophie in eine historische Wissenschaft begann. "Wer überhaupt noch einen Gedanken durchdenken, ihn wie auch immer an ein Ende bringen will, der hat inzwischen keine Wahl mehr, als zu werden, was Goethe nennt: ,den Narren auf eigene Hand'." Die Arbeit dieses "Narren", des freien, durch keine institutionellen Rücksichten gebundenen Denkers, führt Müller nun in "Das Glück der Tiere" weiter. Daß er sich deshalb die Gemeinheit hat gefallen lassen müssen, von einem Rezensenten mit einem Hinweis auf den Brotberuf - "Lateinlehrer in Chemnitz" - erledigt werden zu sollen, offenbart, mit welcher Niedertracht die geistfeindliche Abwehr des unberufenen Denkens noch immer funktioniert.

          Die Lehre vom "Kampf ums Dasein", von Mutation und Selektion, war, als Charles Darwin sie nach zwanzig Jahren des Zögerns dem Publikum preisgab, ein Skandalon und eine Offenbarung. In der aufgeklärten Welt ist davon nur die Offenbarung geblieben. Aber noch immer, knapp hundertfünfzig Jahre nach Veröffentlichung der Evolutionstheorie, gibt es kein Experiment, das ihre Gültigkeit belegen, keine Formel, die sie beweisen könnte. Den Indizien zum Trotz: Der Darwinismus ist "Theorie" - im landläufigen, abwertenden Sinne des Wortes.

          Die Unwahrscheinlichkeit ist Burkhard Müllers erster Einwand gegen die Evolutionstheorie: Wie viele Mutationen waren nötig, um der Giraffe einen so langen Hals zu verleihen? Was bedeutet ein Zoll - so viel billigt Charles Darwin einer jeden Mutation zu -, wenn es doch sechs Meter zu erreichen gilt? Ungefähr einen Zuwachs um ein halbes Prozent. "Macht das den Unterschied von Leben und Tod aus? Möglicherweise, wenn in einer Situation extremer Knappheit jene sehr wenigen Individuen, die diesen einen Zoll mehr aufweisen, in diese schmale, ausschließlich ihnen vorbehaltene Zone eindringen, während der Rest des Bestandes verhungert. Aber sobald diese kleine Neuerung sich über einen großen Teil der Population ausgebreitet hat, kommen viele oder fast alle Giraffen in den Genuß der paar Blätter mehr, und damit sinkt die Halsverlängerung in den Bereich des Irrelevanten zurück. Je erfolgreicher eine Mutation war, desto unwirksamer muß sie werden: ein überlaufener Geheimtip."

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