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Rezension: Sachbuch : Das offene Kunstwerk

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Hartmut Bobzin und Navid Kermani lesen den Koran

          6 Min.

          "1. Beim Morgen 2. und bei der Nacht, wenn alles still ist! 3. Dein Herr hat dir nicht den Abschied gegeben und verabscheut (dich) nicht. 4. Und das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits. 5. Dein Herr wird dir (dereinst so reichlich) geben, daß du zufrieden sein wirst. 6. (Doch auch schon im diesseitigen Leben hat er dir Gnade erwiesen.) Hat er dich nicht als Waise gefunden und (dir) Aufnahme gewährt, 7. dich auf dem Irrweg gefunden und rechtgeleitet, 8. und dich bedürftig gefunden und reich gemacht? 9. Gegen die Waise sollst du deshalb nicht gewalttätig sein, 10. und den Bettler sollst du nicht anfahren. 11. Aber erzähle (deinen Landesleuten wieder und wieder) von der Gnade deines Herrn."

          Diese 93. Sure des Korans mit dem Titel "Der Morgen" läßt erahnen, was den Propheten Muhammed umgetrieben hat und worin die Sendung von Gottes "Gesandten" bestand. Es ist jedoch schwierig, einen Weg durch die 114 Suren des Korans zu finden, da diese weder historisch noch systematisch, sondern eher schon nach ihrer Länge geordnet sind. Sure 2 (286 Verse auf 615 Zeilen) ist die längste, Sure 108 (3 Verse auf anderthalb Zeilen) die kürzeste. Auch Goethe beschreibt, wie er mit dem Koran gerungen hat: Immer wieder habe er ihn gelesen, und immer wieder sei er "von neuem angewidert" gewesen. Doch eine intensivere Lektüre habe dann bewirkt, daß der Koran ihn angezogen, in Erstaunen gesetzt und ihm "am Ende Verehrung abgenötigt" habe.

          Um dem heutigen nichtmuslimischen Koranleser den Weg zum Verständnis dieses Buches zu erleichtern, hat der Erlanger Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin nun eine "Einführung" in den Koran geschrieben. Sie ist kaum halb so lang wie Tilman Nagels Einführung (1983), doch dafür übersichtlicher. Neben einem historischen Abriß über die Entdeckung des Korans im Abendland und der Erklärung einiger koranischer Grundbegriffe spricht Bobzin auch über die literarische Form des Korans, seine Textgeschichte, die Koranphilologie und das Problem der Übersetzbarkeit. Außerdem befaßt er sich mit den Hauptthemen der koranischen Verkündigung und ihrer Entwicklung. Daß Bobzin das Philologische mit dem Theologischen zu verknüpfen weiß, ist eine Stärke seines empfehlenswerten Buches.

          Bobzin versucht, den Koran aus sich selbst zu verstehen: Nach Möglichkeit meidet er Vergleiche mit den jüdischen und christlichen Offenbarungstexten, und die Berichte der muslimischen Traditionsliteratur zum Leben Muhammads berücksichtigt er nicht. Der Koran wird als eine eigene und ganz eigentümliche literarische Gattung religiöser Rede respektiert und analysiert. Die eingangs zitierte Sure 93 (in der Übersetzung von Rudi Paret) ist für Bobzin demnach kein Bericht über Muhammad als Waise beziehungsweise Halbwaise oder eine Trostrede des angefochtenen Propheten, sondern ganz allgemein eine Aufforderung zur Gerechtigkeit.

          In der textgeschichtlichen Darstellung geht Bobzin auch auf die Redaktion des Korans unter dem Kalifen Uthman (er regierte 644 bis 656) ein, der sich um eine endgültige Festsetzung der verschiedenen Lesarten des arabischen Textes bemühte. Da es im Altarabischen für die achtundzwanzig Konsonanten nur achtzehn Schriftzeichen gab, in bestimmten Fällen, je nach Position im Schriftzug, für fünf verschiedene Konsonanten nur ein einziges Zeichen zur Verfügung stand und die Vokale nicht immer notiert wurden, konnte es zu unterschiedlichen (und mehrdeutigen) Lesarten des Textes kommen. Diese verschiedenen Lesarten entwickelten sich zu bestimmten Traditionen in den verschiedenen Gegenden der Welt des Islams. Sieben solcher Lesetraditionen sind heutzutage als kanonisch anerkannt. "Darin", schreibt Bobzin, "kommt eine charakteristische Eigenschaft des Islams insgesamt zum Tragen, nämlich seine ganz erstaunliche Fähigkeit, dem Prinzip der Pluralität Rechnung zu tragen, dies aber zugleich in der Weise einzugrenzen, daß daraus keine Tendenzen zur Spaltung entstehen."

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