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Rezension: Sachbuch : Das Modell Urmensch

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Ein ebenso rätselhafter wie schöner Klassiker: Ibn Tufayls philosophischer Roman in neuer Deutung

          Ein schönes und wichtiges Buch ist anzuzeigen: die erste umfassende Studie zu einem einzigartigen Text der klassischen islamischen Literatur, zu einer der interessantesten literarischen Figuren des Islam im Mittelalter. Abu Bakr Muhammad ibn Abd Malik Ibn Tufayls philosophischer Roman mit dem Namen seines Helden als Titel, Hayy ibn Yaqzan, wörtlich "Lebender, Sohn eines Wächters", wurde etwa 1180 auf arabisch in Spanien verfaßt. 1671 wurde der Roman erstmals in England ediert und ins Lateinische übersetzt als "Philosophus autodidactus". Sofort wurde er, fast gierig, von den Quäkern in England ebenso gelesen wie von Spinozas Freunden in Holland und von Leibniz in Deutschland. Der Göttinger Johann Gottfried Eichhorn fertigte 1783 eine deutsche Übersetzung an und nannte sie "Der Naturmensch". Heute kann diese Schrift in vierzehn Sprachen gelesen werden. Mit etwa dreißig arabischen Editionen ist der Roman ein Bestseller.

          Die Schrift gibt Rätsel auf: Ist es wirklich ein philosophischer Roman, eine Aufklärungsschrift vielleicht? Oder ist es eine mystische Initiationserzählung? Ist es die einzige Utopie des Mittelalters, eine rein männliche Utopie sogar? Enthält die Schrift des Arztes Ibn Tufayl (etwa 1116 bis 1185) eine medizinische Botschaft oder eine politische? Alle zehn Beiträge zu diesem Sammelband bieten unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten an. Auch um die Person des Autors - neben Ibn Bajja und Averroes zählt er zu den "westlichen" Philosophen des islamischen Mittelalters - weben sich Legenden: War er wirklich der Lehrer des großen Averroes, wie Ernest Renan behauptet hat? War er mit dem Staufer Friedrich II. bekannt, wie Arnold Zweig in seiner Novelle "Der Spiegel des großen Kaisers" glaubhaft machen möchte? Gehört er nach Ernst Bloch zur sogenannten "Aristotelischen Linken"? Oder war er nur ein frommer Sufi?

          Die Wirkung dieses Romans ist so phantastisch wie dieser selbst. Ähnlichkeiten und Abhängigkeiten zwischen dem arabischen Roman und Balthasar Gracians spanischer Erzählung "El Criticon" wurden ebenso festgestellt wie zu Daniel Defoes "Life of Robinson Crusoe". Gotthold Ephraim Lessing soll, so möchten es andere, den Roman in der Wolfenbütteler Bibliothek gelesen und aus ihm das gelernt haben, was er dann literarisch in seinem "Nathan der Weise" verarbeitet hat.

          Der von Lawrence I. Conrad mustergültig edierte Sammelband (die Handschriften, Editionen, Übersetzungen sowie die Sekundärliteratur sind vollständig dokumentiert) ist das Ergebnis eines Symposions des Londonder Wellcome Institute for the History of Medicine. Nach der Lektüre des spannenden und gelehrten Buches weiß man jedoch noch immer keine definitive Antwort darauf, was es mit Hayy ibn Yaqzan auf sich hatte - man muß diesen Roman einfach selber lesen.

          Es ist die Geschichte eines auf eine einsame Insel gespülten Säuglings (wie Moses), der von einer Hirschkuh (wie Genoveva) genährt und großgezogen wird. In Abständen von jeweils sieben Jahren lernt dieser "von sich selbst gelehrte Weltweise" (so der Titel einer deutschen Übersetzung) alles, was ein Mensch über sich, die Natur und Gott kennenlernen kann - bis dann sein "Freitag" auf der Insel eintrifft. Hier heißt er allerdings in Anlehnung an einen mystischen Traktat Avicennas Absal. Natürlich befreunden sich diese beiden Eremiten schnell.

          Hayy erlernt durch Absal das Sprechen und wird mit den fünf Grundsätzen des Islam bekannt gemacht. Nach einiger Zeit des gemeinsamen Lebens und Meditierens kommt dann der rätselhafte Wendepunkt. "Da Hayy großes Mitleid gegen die Menschen fühlte und wünschte, daß ihnen durch ihn Heil widerfahren möchte, so geriet er auf den Einfall, zu ihnen zu reisen, um ihnen die Wahrheit zu erklären." Gesagt, getan. Doch die Menschen, zu denen die Freunde reisen, wollen Hayys Heil und seine Wahrheit nicht hören, und so kehren die Freunde resigniert wieder auf ihre Insel zurück und leben dort in inniger Freundschaft nach ihrer Wahrheit.

          Doch die Frage bleibt auch heute noch offen: Was ist Wahrheit der Menschen, was ihr Heil? Das vorliegende Werk bietet auf diese Fragen neue Antwortversuche. Es wird zu den Standardwerken über die islamische Philosophie im Mittelalter gehören. FRIEDRICH NIEWÖHNER

          Lawrence I. Conrad (Hrsg.): "The World of Ibn Tufayl". Interdisciplinary Perspectives on Hayy ibn Yaqzan. E. J. Brill, Leiden, New York, Köln 1996. 305 S., geb., 97,- US-Dollar.

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