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Rezension: Sachbuch : Das Minarett der Tabakmoschee ist ein Schornstein

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Steigen Sie ab, Herr Muezzin, und zünden Sie sich eine Zigarre an: Industriearchitektur in Dresden

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          Wer sich das alte Dresden ausdenkt, dem kommen Barockhäuser und klassizistische Paläste in den Sinn, die Frauenkirche, Sempers Oper und die Villen auf den sanften Hügeln entlang der Elbe. Aber Industriebauten? An die denkt man nicht, und doch ist bloß halbwahr, daß Dresden in seiner Blütezeit bloß eine romantische Residenz-und Kunststadt gewesen sei. In Sachsens Fabriken wurde vor dem Krieg vieles hergestellt: Automobile, Flugzeuge, Werkzeugmaschinen. Das Grobe allerdings war Dresdens Sache nicht. Hier hatte man sich auf das Erlesene spezialisiert. Nicht rauchende Schlote, sondern surrende Feinmechanik, ausgeklügelte Optik, bestenfalls wohlige Tabak- und Schokoladendüfte, das war es, was Dresden sich gefallen ließ und womit es seinen Reichtum mehrte.

          Anders als andere deutsche Großstädte, die eine Mischung von Wohnen und Gewerbe zum Merkmal des Städtebaus erhoben, verwiesen die Dresdner Stadtväter die Produktionsstätten in sorgsam ausgewählte Gebiete am Stadtrand, möglichst außerhalb der Bahngleise, die Dresden wie eine eiserne Spange umfaßten. Nicht alles, was in den stürmischen Jahren der Gründerzeit errichtet wurde, hat den hohen Ansprüchen genügt. Viele der gelungenen Bauten wurden zudem im Zweiten Weltkrieg zerstört. Doch finden sich noch immer zahlreiche Industriegebäude - Fabriken, Mühlen, der Schlachthof, der Städtische Speicher, das Gasometer - die vornehmes Zeugnis geben vom Wunsch der Fabrikanten und Architekten, ihre Zweckbauten möglichst taktvoll, zugleich aber auch repräsentativ in die Stadt einzufügen.

          Was übrigblieb, hat Hans-Christian Schink fotografiert und der Deutsche Werkbund Sachsen herausgegeben. Die schwarz-weißen Aufnahmen, denen einige kluge Erläuterungen vorangestellt sind, zeigen schöne Produktionsstätten für schöne Erzeugnisse. In der sächsischen Hauptstadt war man den neusten Sprüngen der Technik stets aufgeschlossener als anderswo. Auf den Straßen entlang der Elbe leuchteten seit 1828 die ersten Gaslampen, Deutschlands erste Eisenbahnfernverbindung führte von hier nach Leipzig. Auch die erste Spiegelreflexkamera war eine Dresdnerin, nirgends gab es schönere Dampfschiffe zu bewundern als an den hiesigen Elbanlegestellen, die Zahnradbahn am Weißen Hirsch war zur Zeit ihrer Errichtung eine Art sächsischer Transrapid. Fast alles, was hier getan wurde, war auch Ausdruck großbürgerlichen Stilgefühls, klarer Vorstellungen von Praktisch-Ansehnlichem, wofür die Architekten und Künstler des Deutschen Werkbundes bürgten.

          Andere Fabriken beschäftigten sich mit der Herstellung von Genußwaren und feinen Kosmetikartikeln, wofür stellvertretend nur das Mundwasser "Odol" genannt sein soll, das Karl August Lingner in Dresden herstellen ließ. Jede dritte in Deutschland gerauchte Zigarette wurde Anfang des Jahrhundert in Dresden hergestellt. Die berühmte, lange Zeit als herausfordernd häßlich empfundene Tabakmoschee der Yenidze-Fabrik mit ihrer des Nachts bunt schimmernden Glaskuppel prägt noch heute das Bild der Stadt. Die Tabakmoschee gehört zu den renovierten Architekturdenkmälern, viele andere Gebäude zerbröseln still vor sich hin. Denn mit den Bomben des Zweiten Weltkrieges kam auch das Ende der Dresdner Industriearchitektur. Spiegelreflexkameras werden heute in Japan produziert, Lingners "Odol" in Westdeutschland, und von den einst über hundert Klavierherstellern im Dresden der Vorkriegszeit ist fast nur Erinnerung geblieben.

          Auch die Einstellung hat sich gewandelt. Aus der vornehmen Allianz mit der Moderne und ihrer nüchtern-schönen Industriearchitektur wurde eine beinahe panische Furcht vor dem Neuen. Dresdens Stadtplaner sind heute nichts weniger als kühn. Die liebsten Baupläne sind den Dresdnern scheinbar solche, bei denen barocke Vorbilder mit modernem Stahlbeton kopiert werden, die zerstörte Stadt will sich selbst wiederhaben, ohne ein Bewußtsein davon zu pflegen, was sie zumindest auch einmal gewesen ist. So mag man denn in Dresden das wiedergebaute Taschenberg-Palais besuchen und über die rekonstruierte Königstraße schlendern. Aber vielleicht sollte man auch das Dresden Erlweins, Ungers und Riemerschmids aufsuchen und zugleich der Stadt etwas mehr Mut zur modernen Architektur wünschen. Dies allerdings unter der Bedingung, daß deren Protagonisten bereit sind, die taktvollen Vorbilder zu beherzigen, die sich in dem Buch "Industriearchitektur in Dresden" versammelt haben. PETER CARSTENS

          Hans-Christian Schink, Tilo Richter: "Industriearchitektur in Dresden". Herausgegeben vom Deutschen Werkbund Sachsen e.V. Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1997. 85 S., Abb., geb., 49,90 DM.

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