https://www.faz.net/-gqz-6qmvp

Rezension: Sachbuch : Das Liebesgebot der Rassenmischung

  • Aktualisiert am

Gilberto Freyre, der brasilianische Autor von "Herrenhaus und Sklavenhütte"

          Daß der Prüfungskandidat einmal Präsident Brasiliens werden würde, scheint Gilberto Freyre nicht geahnt zu haben. Sonst wäre er, der zeitlebens ein Freund der Mächtigen war, ohne Zweifel der Einladung des Soziologen Florestan Fernandes gefolgt, am Rigorosum seines Schülers Fernando Henrique Cardoso teilzunehmen.

          Das war 1961, da war Cardoso noch ein marxistischer Soziologiestudent, der soeben eine Arbeit zum Thema Herr und Sklave im Süden Brasiliens abgeschlossen hatte. Gilberto de Mello Freyre aber war bereits ein international anerkannter Wissenschaftler und Schriftsteller. Freyre kam nicht, er beantwortete nicht einmal die freundliche Einladung; schließlich hielt er die marxistisch orientierte Soziologie, wie sie an der Universität São Paulo betrieben wurde, für ein zu tilgendes Übel.

          Später wurde er milder und äußerte sich gelegentlich sogar freundlich über den jungen Soziologie-Professor Cardoso; dieser sei, so schreibt er einmal, immerhin klüger als sein Lehrer Fernandes. Das ändert freilich nichts daran, daß die paulistanische Soziologie von Freyre stets als eine feindliche Macht angesehen wurde, die sich auf dem wissenschaftlichen Irrweg befand. An der Universität von São Paulo analysierte man das Dilemma Brasiliens in einer marxistischen Perspektive. Die ökonomischen Imperative des entwickelten Kapitalismus hätten das Land an die Peripherie gedrängt, es sei zum Spielball eines ökonomischen Imperialismus geworden. Freyres Brasilien-Deutung war viel hoffnungsvoller, weniger analytisch, dafür um so farbenfroher. Sie berücksichtigt so gut wie nie ökonomische Zusammenhänge. Seine These ist vielmehr, daß für ein Verständnis Brasiliens das Studium der intimen Beziehungen innerhalb der patriarchalischen Familie entscheidend sei.

          Für Freyre ist Brasilien das Land einer ethnischen Demokratie. Hier habe ein Prozeß der Vermischung von Europäern mit Schwarzen und Indios stattgefunden, der einen neuen, tropischen Menschentyp hervorgebracht habe, den Brasilianer. Dies war die zentrale These des 1933 erschienenen und erst 1964 ins Deutsche übersetzten Buches "Casa grande e Senzala" (Herrenhaus und Sklavenhütte), das Freyre weltbekannt machte.

          Im Mittelpunkt der Untersuchungen von "Herrenhaus und Sklavenhütte" steht das Herrenhaus einer typischen Zuckerrohrplantage im Nordosten Brasiliens. Freyre will beweisen, daß nicht kirchliche oder staatliche Planung die koloniale Entwicklung bestimmten, sondern die Familien. Die originär brasilianische Gesellschaft entstand aus der Mischung dreier Rassen, die sich auf der Plantage begegnen: dem portugiesischen Kolonisator, dem afrikanischen Negersklaven und dem Indio.

          Für Freyre ist jeder Brasilianer geprägt von indianischem oder afrikanischem Erbe: "Dieser Einfluß macht sich in unserer Zärtlichkeit, unserer übertriebenen Ausdrucksfähigkeit, unserem in Gefühlen schwelgenden Katholizismus, unserem Gang, unserer Musik und in allen unseren wesentlichen Lebensäußerungen bemerkbar. Es ist der Einfluß unserer schwarzen Kindermädchen oder Ammen, die uns in den Schlaf wiegten, die uns die Brust gaben, die uns mit dem eigenhändig bereiteten Brei fütterten. Es ist der Einfluß der alten Frau, die uns Kindern von Geistern und Tieren erzählte, des Mulattenmädchens, das uns von unserem ersten "bicho de pe" (eine Zeckenart) erlöste, das uns beim Knarren des Feldbetts die Liebe lehrte . . . des Negerjungen, der unser erster Spielkamerad war."

          Weitere Themen

          Überraschend schräg

          Winona/Minnesota : Überraschend schräg

          Die kleine Ortschaft Winona war nur ein Zwischenstopp auf einer Reise durch Minnesota – aber was für einer! Von der Begegnung mit Kunstsammlern, Biertrinkern, Kanuverleihern und anderen Exzentrikern.

          Die andere Seite von Itacaré Video-Seite öffnen

          Surferparadies Brasilien : Die andere Seite von Itacaré

          Das brasilianische Surferparadies in Bahia war einst ein Sklavenhafen, die schwarzen Bewohner brachten ihre Kultur mit und haben die Stadt geprägt. Doch man spricht nicht gerne über die dunklen Zeiten, und nach der Wahl schon gar nicht.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Bei gewaltsamen Protesten gegen ein neues Arbeitsgesetz wurden mehr asl 50 Menschen festgenommen.

          Ungarn : Gewaltsame Proteste gegen Orbans neues Arbeitsgesetz

          Mehrere tausend Demonstranten protestierten dagegen, dass Arbeitgeber künftig bis zu 400 Überstunden im Jahr verlangen können. Die Opposition spricht von einem „Recht auf Sklaverei“. Mindestens 14 Menschen wurden verletzt, mehr als 50 festgenommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.