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Rezension: Sachbuch : Das letzte Fest der alten Welt

  • Aktualisiert am

Dieter Borchmeyer zeichnet Goethe als Zeitbürger

          5 Min.

          Diese "Summe der sich über ein Vierteljahrhundert erstreckenden Beschäftigung mit Goethe" läuft auf ein einziges Wort zu. Wie ein geheimes Programm könnte es allen früheren Arbeiten Borchmeyers als Richtschnur gedient haben, und nun löst es, als Titel seines Buches ins rechte Licht gerückt, wie ein Zauberstab alle Interpretationen aus ihrer Vereinzelung: "Zeitbürger". Es ist ein Wort von Schiller: "Man ist ebensogut Zeitbürger, als man Staatsbürger ist." Die Zeitbürgerschaft ist somit das genaue Gegenteil von jener Überzeitlichkeit, die zum Merkmal der Klassik werden sollte. "Ein ,Zeitbürger' im Sinne des von Schiller erfundenen Worts ist Goethe zeitlebens gewesen", behauptet Borchmeyer nun auf der ersten Seite seines Buchs und entfaltet dies auf allen folgenden mit der pädagogischen Begeisterung dessen, der überzeugt ist, damit seinen eigenen Zeitgenossen einen Dienst zu erweisen.

          Das Buch wendet sich weniger an Fachgenossen als an den "gebildeten Leser", dem man es ohne Einschränkung empfehlen kann. Borchmeyer hat den Umgang mit Literatur und Kunst noch vor aller Dekonstruktion gelernt und sich den Glauben an die Möglichkeit eines historischen Urteils erhalten. Es fällt in der Regel wohlwollender aus, als eine lange Tradition denkmalstürzender Kritik erwarten lässt.

          Borchmeyer schreibt mit Enthusiasmus, rhetorischem Geschick und im festen Vertrauen darauf, verstanden zu werden. Die neuere Forschung zitiert er gern anerkennend, Polemik ist nicht seine Sache, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, fast alle lebenden Goetheforscher seien in einem Freundschaftsbund vereint. Wo etwas widerlegt werden muss, klingt es darum leicht etwas hölzern: "Wer auf den Spuren von Marx oder Freud als Ausdruck bürgerlicher Misere oder selbstverkrüppelnder Triebunterdrückung decouvriert, kann jedenfalls nicht darauf rekurrieren, dass die Wanderjahre aufgrund ihrer desintegrativen Form vom immanenten Widerruf gegen ihre eigenen Weisheiten leben." Wenn man das Bedürfnis hat, einen Satz zweimal zu lesen, handelt es sich aber meist um ein Zitat.

          Die Darstellung geht chronologisch vor und zeigt den Zeitbürger Goethe in vier Epochen, die Aspekte der Jahrhundertwende repräsentieren. Das zentrale Thema ist die moderne Subjektivität. Ihre Wege und Irrwege hat Goethe mit Luzidität verfolgt: "So entschieden Goethe in seiner Dilettantismus-Kritik der falschen Subjektivität den Kampf ansagt, so sehr ist er von dem modernen . . . erkenntnis- und wahrnehmungstheoretischen Subjektivitätsprinzip, von der in ihm gründenden Gesetzlichkeit der Gegenstandswelt überzeugt." Die Zeitverbundenheit von Goethes Werken brachte es mit sich, dass sie unter veränderten Umständen ihre ursprüngliche Wirkung einbüßten. Goethe hat darum die "Zeitbürgerschaft" einiger seiner Werke den neuen Verhältnissen angepasst, in anderen Fällen sie aber auch als Dokumente einer anderen Zeit belassen.

          Der zweite Teil "Das letzte Fest der alten Welt - Ancien Régime und Revolution im literarischen Kontrast" ist der umfangreichste. Es geht um die Revolution und den Idealtyp des aufgeklärten Herrschers (dabei auch um Goethes eigene politische Tätigkeit in Weimar), um Iphigenie "als Rettung des Mythos im Geiste der Aufklärung". Der dritte Teil ("Klassik im Gegenlicht - Weimars ,hochgesinnte' Verschwörung") vereinigt vier unterschiedliche Themen (Goethe und Schiller, Bühnenästhetik, Erotik, Musik). Zwar lassen sie sich auf Goethes Zeitbürgertum beziehen, doch drängt sich bei der Lektüre der Eindruck auf, dass es sich mehr um gesammelte Einzelstudien als um das Kapitel eines neuen Buchs handelt. Die Wiedergabe einer Kontroverse mit Albrecht Schöne um ein Interpretationsdetail von "Alexis und Dora" hätte wohl hier fehlen dürfen, Gleiches gilt für einen Abschnitt über Goethe und Stifter im letzten Kapitel.

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