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Rezension: Sachbuch : Das Leben baut sich in die Höhe

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Der Palazzo Pitti auf dem südlichen Arno-Ufer war gegen Ende des neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein begehrtes Ziel architekturinteressierter Florenz-Touristen. Auf dem ansteigenden Vorplatz müssen sich die Baumeister geradezu gegenseitig auf die Füße getreten sein. Bei jedem ...

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          Der Palazzo Pitti auf dem südlichen Arno-Ufer war gegen Ende des neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein begehrtes Ziel architekturinteressierter Florenz-Touristen. Auf dem ansteigenden Vorplatz müssen sich die Baumeister geradezu gegenseitig auf die Füße getreten sein. Bei jedem hinterließ der schroffste und verschlossenste aller Florentiner Quattrocento-Palazzi, den Vasari dem großen Brunelleschi zugeschrieben hat, einen unauslöschlichen Eindruck. Fritz Schumacher wollte ihm in seiner geplanten Brunelleschi-Monographie ein Kapitel widmen. Mies van der Rohe stand bewundernd vor ihm. Le Corbusier zeichnete ihn ab. Für Adolf Loos war er "das stärkste architektonische Ereignis". Beim jungen Erich Mendelsohn bedeutete er gar das "Sinnbild der Höhe, bis zu der der Mensch überhaupt hinaufkann".

          Daß Jacob Burckhardt, dessen "Cicerone" die meisten Besucher in der Manteltasche mitführten, den Bauherrn für einen weltverachtenden Gewaltmenschen hielt, störte die Fachtouristen nicht. Schließlich waren sie fast alle in die Schule Friedrich Nietzsches gegangen. Und bei Nietzsche konnte man lesen, daß Bauen Ausübung von Herrschaft darstellt - "eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen". Monumentale Kunst finde naturgemäß ihren Ausdruck an dem Ort, von dem Macht ausgehe, schrieb der Nietzsche-Leser Peter Behrens.

          Für Nietzsche bedeutete der Palazzo Pitti mehr als nur einen starken Architektureindruck. Zusammen mit den Palästen Genuas war die Residenz des Florentiner Bankiers Luca Pitti ein Beleg für das, was Nietzsche den "großen Stil" nannte. Der Sieg über die Schwere war erreicht, der Wille zur Macht sichtbar Gestalt geworden, die heroische Vereinzelung vollzogen. Unüberhörbar sprach der "Klang der Steine" aus der rauhen Rustica der Stadtfassade, aber noch mehr aus den Felsklötzen des hochmanieristischen Gartenhofes. "Klang der Steine" hat der Berliner Architekturhistoriker Fritz Neumeyer, Nietzsche zitierend, auch sein Buch betitelt.

          Daß der Stein "mehr Stein" sei als früher, wo hätte es sich besser begreifen lassen als vor den zyklopischen Mauern des Pitti? Für Nietzsche enthielt der Satz, wie Neumeyer überzeugend darlegt, nicht nur Resignation, nicht nur Verzicht auf Sinn und Symbol, auf den Zauber der Schönheit, auf die versöhnende Überformung durch Kunst. Der Bau aus desillusioniertem Stein konnte auch heilsame Ernüchterung bedeuten, ein Stück Dauer diesseits der Metaphysik, gestaltgewordene Notwendigkeit, logisch, einfach und unzweideutig, zur Daseinsbejahung gehärtet.

          War das der Königsweg zur Moderne, die auch Verzicht, Reinigung, Hygiene und Askese gepredigt hat? Ein anderer Autor, der kürzlich Nietzsches Architekturverständnis zu seinem Thema gemacht hat, Markus Breitschmid, meldet plausible Zweifel an. Der "große Stil", den Nietzsche predigte, beruhte auf einer Autorität, die nicht begründet, sondern befiehlt. Seine Disziplin nahm keine Rücksicht auf moderne Empfindlichkeiten und auch nicht auf soziale Bedenken. Nietzsches behauptete Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid und der Not seiner Mitmenschen galt sozial engagierten Lesern - unter ihnen die meisten Wortführer der Architekturmoderne - trotz aller Bewunderung als Makel.

          Mit den Wirkungen Nietzsches, seinem immensen Einfluß auf wilhelminische, expressionistische und neusachliche Architekten, beschäftigen sich Neumeyer wie Breitschmid hier kaum. Ihnen geht es um die Rolle, die im Denken Nietzsches die Architektur gespielt hat, nicht um seine Rezeption. Der Gegenstand ihres Interesses hat ihnen diese Arbeit erleichtert und zugleich erschwert. Einerseits bediente sich Nietzsche der Architekturmetaphorik in ungewöhnlichem Ausmaß. Andererseits liegt gerade in diesem üppigen Metapherngebrauch auch die Verführung, jede Verwendung baumeisterlicher Sprachbilder - vom "Gedankengebäude" über das "Columbarium der Begriffe" bis zur "Ton-Baukunst" - wörtlich zu nehmen. Nietzsche wollte Menschen bauen, rechtwinklig an Leib und Seele. Es ging ihm nicht um Architekturreformen.

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