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Rezension: Sachbuch : Das Land der Propheten suchen

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Spuren westlicher Reisender im Heiligen Land

          Ibn al-'Arabí war siebzehn Jahre alt, als radikale muslimische Glaubensbrüder seine Heimatstadt Sevilla besetzten und ihn auf Pilgerfahrt nach Mekka ziehen ließen; 1092 erreichte er mit seinem Vater Jerusalem, blieb drei Jahre dort und passierte die Heilige Stadt noch einmal 1098 auf seinem Heimweg über Alexandria. Was er sah, kurz bevor die Ritter des ersten Kreuzzuges Jerusalem 1099 blutig eroberten, hielt er in einem Reisebericht fest. Da gab es, wie er schrieb, unzählige Gruppen jüdischer und christlicher Gelehrter, vor allem aber zwei islamische Hochschulen, an denen er die Disputationen verfolgte. Unter anderem ging es um die Frage, ob und wo einem Mörder Asyl gewährt werden durfte, der seine Untat an einem heiligen Ort begangen hatte. Andere Probleme waren harmloser: War es etwa erlaubt, sich graue Haare auszureißen, um jungen Mädchen zu gefallen?

          Abgesehen von Fragen der Religion, waren die islamischen Studien offenbar kaum entwickelt; nichts berichtet Ibn al-'Arabí über weltliche Wissenschaften wie Mathematik und Astronomie. Nach dem Einfall der lateinischen Christen vermißte man die islamische Elite, sie war ins Exil gegangen oder gewaltsam zu Tode gekommen. In den Dörfern um Nablûs im Norden von Jerusalem scharten sich die Muslime um Scheichs, die wegen ihrer Frömmigkeit, Askese und Wundertätigkeit als heilige Männer verehrt wurden. Ein zweiter Autor, der damals in Damaskus lebte, berichtet, daß die Christen im Heiligen Land - anders als die Normannen in Palermo oder die ebenfalls christlichen Byzantiner - den muslimischen Gottesdienst tolerierten. Trotzdem gelang das Zusammenleben der beiden Gruppen nur durch räumliche Trennung, am besten durch Gebirge.

          Diese Einsichten über die Lage palästinensischer Muselmanen vor und während der Kreuzzugszeit wurden, was bemerkenswert ist, an der Hebräischen Universität Jerusalem zutage gefördert. Der Leiter der Forschungen, Benjamin Z. Kedar, präsentierte die vorher kaum bekannten Quellen bei einem Kolloquium über "Die Kreuzfahrerstaaten als multikulturelle Gesellschaft", das Hans Eberhard Mayer am Historischen Kolleg zu München veranstaltete. Während Kedar die wechselseitigen Einflüsse von Lateinern und Orientalen, seien diese nun Muslime oder Ostchristen, als ein weites, noch unerforschtes Feld beschreibt, diagnostiziert Mayer als Ergebnis der Tagung schon eine dynamische Feudalgesellschaft in den Kreuzfahrerstaaten, die vor intellektueller und kultureller Versteinerung bewahrt geblieben sei. Mayer hat aber auch nur das lateinische Bevölkerungssegment im Blick, sein Lob der Multikulturalität gilt nicht dem Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen, sondern der Integration immer neuer Ankömmlinge aus den europäischen Nationalstaaten.

          Tatsächlich sind die meisten Beiträge des Tagungsbandes den lateinischen Pilgern, Durchreisenden und Einwanderern in Palästina gewidmet. Adlige Neusiedler, königliche Gefolgsleute, gelehrte Notare und Räte, Kleriker, Mönche und Kaufleute, die im Heiligen Land neues Glück und ewiges Heil suchten, alle diese Gruppen schienen die sozialen Bindungen ihrer Herkunft aber kaum richtig abgestreift zu haben; inwieweit sie zur Bildung eines neuen Gesellschaftsgefüges in Syrien beigetragen haben, bleibt im ganzen offen und ist eher zweifelhaft. Eindrucksvoll demonstriert Rudolf Hiestand die bleibende Fremdheit der Lateiner im Heiligen Land am Beispiel der Geistlichkeit. Die demographische Reproduktion der aus dem Westen Zugewanderten war demnach zu keiner Zeit ausreichend, um die Kleriker- und Prälatenstellen zu besetzen. In der wichtigen Hafenstadt Akkon sind allenfalls zehn Prozent der bekannten Kleriker Einheimische gewesen, die Hälfte waren hingegen Franzosen, die übrigen Italiener, Spanier, Engländer und Griechen; ähnlich war es in Tripolis, wo aber die Italiener dominierten. Unter den Bischöfen sank der Anteil der im Heiligen Land geborenen Amtsträger sogar unter drei Prozent, und je höher das Kirchenamt war, um so eindeutiger wurde der französische Vorrang.

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