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Rezension: Sachbuch : Das Lärmen der Volksmassen im Wohnzimmer

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Hans Christoph Buch in Böhmen / Von Burkhard Scherer

          Für Dr. Fritz Koch, Professor für marxistisch-leninistische Ästhetik in der DDR, ist die Sache klar: "Unter den Bedingungen des kalten Krieges ist Kafka ein trojanisches Pferd, mit dessen Hilfe der deutsche Arbeiter-und-Bauern-Staat sturmreif geschossen werden soll." Kochs tschechoslowakischer Kollege Eduard Goldstücker sieht seinen Landsmann aus Prag hingegen nicht im Lager des Klassenfeindes: "Ich bin überzeugt, daß Kafka, hätte er länger gelebt, den Weg zum Sozialismus gefunden hätte", gibt er zu Protokoll, das von Fräulein Eva Kanturkova geführt wird. Die Herren, nun ja: diskutieren auf einer Kafka-Konferenz unter der Leitung von Goldstücker am 27. und 28. Mai 1963, die nicht zuletzt die praktische Frage zu klären hat, ob Kafkas Bücher in den Regalen sozialistischer Buchläden auftauchen dürfen. Die Angelegenheit ist delikat, weil die Linie aus Moskau fehlt und der sowjetische Vertreter, Victor Schklowski, in Rätseln spricht. Denn Sätze wie "Die Einsicht kommt immer zu früh oder zu spät" können sowohl ein kulturpolitisches Tauwetter signalisieren wie auch ein Versuchsballon sein, die ideologische Bodenhaftung der Genossen zu testen. Bewegen sich die Konferenzteilnehmer so auf ungewissem Terrain, geht es dem, der uns das alles erzählt, kaum besser.

          Hans Christoph Buch gibt Schloß Liblice bei Prag als Konferenzort an, schließt aber nicht aus, daß es sich auch um Schloß Dux oder Schloß Dobris handeln könne, denn der Chronist habe da ein Amalgam im Kopf, verursacht weniger durch eigene Verwirrung als "durch die historische Verwerfung des zu Ende gehenden Jahrhunderts, die wie ein Erdrutsch oder wie eine Lawine Zusammengehöriges trennt, Getrenntes zusammenschweißt und das Unterste zuoberst kehrt".

          Besagte historische Verwerfung generiert nun aber nicht nur die Unsicherheit über den Ort, auch den Konferenzverlauf bestimmt sie nachhaltig mit. Am ersten Abend etwa gibt es im Schloßtheater eine Aufführung von "Weder Liebe noch Frauen" - hier als Bühnentext notiert - in der Regie von Professor Koch. Der erhängt sich allerdings vor Vorstellungsbeginn neben der Sauna, in der gerade der haitianische Dichter René Depestre der Konferenzsekretärin Kanturkova den praktischen Gebrauch des in seinem Besitz befindlichen Schlüssels zu Blaubarts Kabinett für ihr Schloß erklärt, eine Lektion, die mit einer Zigarette danach gekrönt wird. Dieser Selbstmord hindert Koch dann aber weder an anschließender Regiearbeit noch an Aufführungskritik am Morgen des nächsten Konferenztages. "Das Stück ist ebenso reaktionär wie sein Held", dekretiert dieser Wächter des Marxismus-Leninismus, denn besagter Held - es ist Casanova - sei ein "deklassierter Kleinbürger", der obendrein "hinter dem Rücken der Werktätigen Karriere macht".

          Während im Auditorium nach historischen Klassenverrätern gefahndet wird, sucht im Keller des Schlosses die Betriebskampfgruppe der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften nach einem aktuellen: ein Landvermesser K. soll sich im Schloß herumtreiben, und man ist sich sicher, dieser sei "ein als Kafka-Forscher getarnter zionistischer Agent, der im Auftrag westdeutscher Revanchisten die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges revidieren soll". Als man schließlich meint, seiner habhaft geworden zu sein, stellt sich das als Fehlschlag heraus, denn der Ergriffene ist - er nun wieder - Professor Koch. Die noch aus Inquisitionszeiten im Schloßkeller befindlichen Folterwerkzeuge können nicht zum Einsatz kommen, die Betriebskampfgruppe ist düpiert. Dem Leser hingegen wird bald klar, daß es sich bei dem ominösen K. um Milan Kundera handelt, der bei der Abschlußdebatte der Konferenz von einem der hinteren Plätze die Bemerkung wagt, Kafkas Code sei von keinem Geheimdienst der Welt zu knacken.

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