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Rezension: Sachbuch : Das Innenleben einer Frauennatur

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Durchaus verworren: Hansers Sozialgeschichte der Literatur, Band 7

          Seit 1979 schleppt sich die auf 12 Bände angelegte "Sozialgeschichte der deutschen Literatur" des Verlags Hanser dahin, von der noch immer zwei Bände ausstehen und von deren früher erschienenen einige schon vollständig überholt sind, etwa diejenigen zur Literatur der Bundesrepublik bis 1967 oder zur DDR aus den Jahren 1986 beziehungsweise 1983. Veraltet ist das Werk in Teilen nicht nur, weil sich die Quellenbasis gründlich verändert hat, sondern auch weil das in den siebziger und achtziger Jahren modische Interesse an Sozialgeschichte längst zu allen Perioden der Neuzeit mehrere konkurrierende sozialgeschichtliche Werke hervorgebracht hat, die einander im Aufbau meist zum Verwechseln ähnlich sind und so ziemlich dieselben Informationen über Alltagsleben, Medienstruktur, Bildungswesen, Sozietäten oder Wirtschaftsformen mitteilen.

          Allerdings leiden die einzelnen Teile der Hanserschen "Sozialgeschichte der deutschen Literatur" nicht alle solche Not wie der jüngste Band zur Literatur zwischen 1890 und 1918, der noch dazu das Pech hat, daß er für einen Teil der behandelten Periode seine überlegene Konkurrenz schon vor Erscheinen in Peter Sprengels souveräner "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870-1900" (C.H. Beck Verlag 1998) gefunden hat. Dort kommen auch die sozialgeschichtlichen Aspekte der Literatur besser zu ihrem Recht, obgleich ihnen keine Vorrechte eingeräumt werden.

          Während man an Sprengels historischer Darstellung bewundern kann, wie die Überfülle der Details zu einem klar konturierten Panorama der Epoche gebändigt ist, geht im Hanser-Band alles durcheinander, was nur durcheinandergehen kann: "Erster Teil: Vom Naturalismus zum Stilpluralismus der Jahrhundertwende", "Zweiter Teil: Fin de siècle" und "Dritter Teil: Das expressionistische Jahrzehnt" - da gaukeln gleich zwei Inhaltsverzeichnisse (eines vorn, eines hinten, unterschieden sind sie nur dadurch, daß das zweite auch noch die Zwischenüberschriften enthält) eine durchdachte Gliederung vor, die sich im Buch nicht einmal durch wiederholenden Abdruck der Überschriften aus dem Inhaltsverzeichnis spiegelt.

          Wer den Titel "Literaturgeschichte" und den Aufbau ernst nehmen will, fragt sich, warum er über das Autor-Verleger-Verhältnis unter Naturalismus informiert wird, obgleich der Verfasser Stephan Füssel zum Beispiel auch von Kurt Wolff handelt, der im Abschnitt zum Expressionismus nicht mehr gewürdigt wird; warum Thomas Anz über Psychoanalyse und Literatur erst unter Expressionismus zu Wort kommt, obwohl sein Thema für die Jahrhundertwende nicht minder einschlägig ist; warum die Literaturzeitschriften der Jahrhundertwende dem Naturalismus zugeschlagen werden und so beliebig weiter.

          Für eine Literaturgeschichte, die zuallererst plausible Ordnungen zu konstituieren hätte, ist diese Verwirrung ganz unerträglich, aber man tut gut daran, das Buch gar nicht erst als solche zu nehmen. Wer es als schlichten Sammelband aufblättert, wird rasch für sich selbst die Spreu vom Weizen sondern und sich auf die Essays beschränken, die kenntnisreich auf wenigen Seiten, wenn auch nicht viel Neues, so doch Wesentliches zu einzelnen eng umrissenen Themen mitteilen. Außer den schon erwähnten Beiträgen seien noch die folgenden ausdrücklich hervorgehoben: zu naturalistischen Literaturtheorien (Theo Meyer), zur Phantastik in der Literatur der frühen Moderne (Marianne Wünsch), zu Richard Wagner und der Literatur der frühen Moderne (Dieter Borchmeyer), zum Verhältnis von Futurismus und Expressionismus (Hansgeorg Schmidt-Bergmann) und zur Autobiographik des Expressionismus (Hermann Korte). Ganz selten nur weicht jemand von den ausgetretenen Pfaden so ab wie Günter Häntzschel: Aus umfassender Kenntnis der Gedichtanthologien entwickelt er die These, daß die "Trivialisierung der Lyrik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus ihrer Bindung an das weibliche Publikum" resultiere und "daß sich kurz vor der Jahrhundertwende, als aufgrund emanzipativer Ansätze die restringierte weibliche Sozialisation nicht mehr fraglos hingenommen wurde, Anzeichen einer wieder substantielleren, ernsthafteren und ästhetisch anspruchsvolleren Lyrik einstellen, die auch das männliche Interesse zurückgewinnt". Das ist sozialgeschichtliche Literaturwissenschaft von Niveau.

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