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Rezension: Sachbuch : Das Grauen ist graubraun

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Musik im Würgegriff der Nazis / Von Gerhard R. Koch

          6 Min.

          Dieses Jahrhundert wurde auch durch die Beschäftigung mit Kunst zum Wechselbad. Denn auf stetig wachsende Autonomie zielten Musik wie Malerei: auf die Befreiung von den Konventionen der Form wie der Tonalität die Tonkunst und auf die Loslösung von der Gegenständlichkeit, dem Abbildcharakter die Bildende Kunst. "Ich fühle luft von anderem planeten": Stefan Georges Verse wurden in Schönbergs zweitem Streichquartett zum Motto künstlerischer Emanzipation schlechthin, und noch heute läßt sich das Aufbruchs-Pathos des Jahrhundertbeginns nachvollziehen - und mit ihm auch der wahrhaft utopische Rausch, der Bindungen an Thron und Altar ledig zu sein, mochte nun auch der Markt zum Gradmesser kulturellen Erfolgs werden.

          Doch die Künstler in ihrem Überschwang hatten die Rechnung ohne die totalitären Regime gemacht. Und deren Propaganda-Artisten wußten, wie man die Massensuggestion des Ästhetischen nutzte. Und sie wußten auch, wie man die Künstler mit Zuckerbrot und Peitsche behandelte, sie vielfältig ans Regime band oder aber mit Einschüchterung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung bedrohte. Und oft genug blieb es nicht bei der Drohung. Nazis und Stalinisten arbeiteten besonders effektiv mit dieser Doppelstrategie; wobei im kommunistischen Herrschaftsbereich das Pendel zwischen anfänglich erlaubter Avanciertheit und verordneter Trivialität weiter ausschlug als im Dritten Reich.

          Immer häufiger erweist sich das Schlagwort vom "Ende der Geschichte" als trügerisch. Zumindest will es nicht gelingen, die NS-Musikgeschichte ausschließlich "historisch" zu betrachten. Denn immer wieder treten neue Facetten zutage, die sogar noch lebende Persönlichkeiten neu sehen lassen - und nicht unbedingt im besten Licht: beispielsweise die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf oder, weit mehr noch, den Musikologen Wolfgang Boetticher. Und immer wieder kommt es zum Streit der Positionen: zwischen denen, die rücksichtslose Aufklärung fordern, nicht zuletzt im Interesse der Opfer, und einer oft allzu großzügigen "Schwamm drüber"-Attitüde. Wobei sich deren Verfechter nicht selten auf Wagner berufen, dessen künstlerische Größe alle Ideologiekritik obsolet mache. Doch die stetig neuen Querelen um Bayreuth lassen ebendies als Illusion erscheinen.

          Dabei fehlt es nicht an Literatur über die Musik im Nationalsozialismus. Joseph Wulfs Dokumentation "Musik im Dritten Reich" folgten Fred K. Priebergs "Musik im NS-Staat" und sein Versuch, Furtwängler zu rechtfertigen, Michael H. Katers Arbeit über den Jazz im Nationalsozialismus und Eckhard Johns "Musik-Bolschewismus". Hinzu kommen viele Einzeluntersuchungen, etwa die Orff-Studie von Kater.

          Der Zeithistoriker aus Toronto hat nun ein neues Buch über die Musiker im Dritten Reich vorgelegt. Verständlicherweise enthält dieses Werk nicht allzuviel grundstürzend Neues. Kater behandelt weitgehend dieselben Personen wie Wulf oder Prieberg, kommt oft auch zu ähnlichen Schlüssen oder Bewertungen. Wohl aber hat er noch unbekannte oder wenig beachtete Quellen studiert - und sein historiographischer Ansatz ist nicht nur auf die "Tausend Jahre" von 1933 bis 1945 fokussiert. Hinzu kommt noch etwas anderes: Das heftig umstrittene Buch Goldhagens über "Hitlers willige Vollstrecker" hat doch manchen Blick aufs Dritte Reich verändert. Die von Goldhagen und Kater untersuchten Gruppen mögen verschieden sein, strukturell ergeben sich Analogien. Gewiß verkennt auch Kater nicht den durchgängig terroristischen Zugriff des NS-Regimes: Ein Weißwäscher ist er wahrlich nicht. Aber die Nazi-Herrschaft scheint ihm weniger monolithisch als gemeinhin vermutet.

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