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Rezension: Sachbuch : Das Geheimnis seiner Millionen

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Hugo Stinnes beugte die Politik seinen kaufmännischen Grundsätzen / Von Hans-Peter Ullmann

          Ein Mythos war Hugo Stinnes schon zu Lebzeiten. Unter den "Königen der Inflation" schrieb man ihm einen Rang zu, den früher der deutsche Kaiser unter den deutschen Landesfürsten eingenommen hatte. So ranken sich bis heute zahlreiche Legenden um seine Person wie seine Geschäfte. Durch dieses Gestrüpp stößt Gerald D. Feldmans Stinnes-Biographie hindurch, indem sie den Nachlaß des Industriellen und weitere Familienpapiere, darunter das Tagebuch von Hugos Frau Cläre, zum ersten Mal erschöpfend auswertet. Stupend ist die Kenntnis des Autors über die Zeit der Inflation; er gelangt zu einem facettenreichen Bild sowohl der unternehmerischen als auch der politischen Aktivitäten eines der führenden deutschen Industriellen in der Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit.

          Feldman geht es nicht allein darum, die Person Stinnes zu "entmystifizieren und sein Handeln begreiflich zu machen". Er sucht mit der Biographie, einem bisher von ihm gemiedenen Genre, auch nach einer Antwort auf die Frage, die sich wie ein roter Faden durch seine gewichtigen Arbeiten zur deutschen Kriegs- und Nachkriegszeit zieht: Wie setzt sich ökonomische in politische Macht um? Das gerade in bezug auf jene Jahre viel und kontrovers erörterte Verhältnis von Wirtschaft und Politik ging Feldman nie theoretisch an. Seine Stärke war und ist die breit fundierte empirische Analyse. Daß die Figur von Hugo Stinnes eine solche zu bündeln vermag, erklärt die Faszination, die das Leben des Industriellen bei aller kritischen Distanz auf den Autor ausübt.

          Denn an Stinnes - historische Person wie historischer Typus zugleich - kann Feldman Kontinuitäten wie Brüche im Verhältnis von Politik und Ökonomie ausloten, läßt sich das Handeln eines herausragenden Unternehmers, der wie kein anderer für Stärken und Schwächen der rheinisch-westfälischen Großindustriellen steht, mit den strukturellen Handlungsbedingungen seiner Zeit konfrontieren. Daß sich jene Bedingungen im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, zumal als Folge des Ersten Weltkriegs, nachhaltig veränderten, bestimmt das Bild, das Feldman von Hugo Stinnes zeichnet.

          In der wilhelminischen Zeit stieß Stinnes in den Kreis der führenden schwerindustriellen Unternehmer vor. Sein Aufstieg begann im Handel. Die Hugo Stinnes GmbH, die zunächst Kohle, später auch Eisen vertrieb und sich Märkte in zahlreichen europäischen Ländern erschloß, blieb Bezugspunkt der geschäftlichen Aktivitäten. Sie verhalf Stinnes durch ein rasch wachsendes Vermögen zu jener Unabhängigkeit, die ihm über alles ging.

          Größeres Gewicht erlangte jedoch der Konzernbauer Stinnes. Er verstand es, die Regeln, welche die montanindustriellen Kartelle, allen voran das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat, vorgaben, ebenso geschickt zu nutzen wie zu umgehen. Seine Expansionsstrategie zielte auf vertikale Konzentration, ausgehend vom familiären Zechenbesitz, und er verwirklichte sie vor allem durch Mandate in Aufsichtsräten und gemeinsam mit Industriellen wie August Thyssen oder Emil Kirdorf und nicht zuletzt führenden Berliner Bankiers. Dafür stehen einerseits die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG, der Stinnes zahlreiche Unternehmen verschiedener Produktionsstufen angliederte und die er so zu einem der vier größten Schwerindustriekonzerne ausbaute, andererseits die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke, die, zukunftsweisend gemischtwirtschaftlich organisiert, den Bergbau mit der Energieversorgung verklammerten und ihm so ein weites Betätigungsfeld bis hin zum öffentlichen Nahverkehr eröffneten.

          Mit einer solchen Expansionsstrategie stand Stinnes nicht allein, aber er betrieb sie trotz mancher Rückschläge mit fulminantem Erfolg. Dieser verdankte sich laut Feldman einer ungewöhnlichen "Kombination aus unternehmerischem, technischem und finanzwirtschaftlichem Können", der intuitiven Fähigkeit, begabte Führungskräfte zu gewinnen, und einer ungeheuren Hartnäckigkeit. War Stinnes auf ein Ziel fixiert, verlor er "dieses nie aus den Augen, eine Eigenschaft, die sowohl seine großen Erfolge als auch seine Fehlschläge erklärt". Hinzu kam der sichere Blick für das Potential scheinbar unwirtschaftlicher Betriebe, die sich, zentral geleitet und doch weiterhin eigenständig, zu effizienten technisch-ökonomischen Systemen zusammenfügen ließen. Nicht zuletzt wußte Stinnes seinen Plänen den Mantel des Visionären umzuhängen, diese als Ausdruck wirtschaftlicher Rationalität erscheinen zu lassen, mehr noch: private Wirtschaftsinteressen mit dem, was er unter Gemeinwohl verstand, "notorisch" in eins zu setzen.

          Der Erste Weltkrieg brachte die Wende in Stinnes' Leben. Hatte er bis dahin im Hintergrund die Fäden geknüpft, zog es ihn nun in die Politik. Stinnes zählte zu den entschiedensten Annexionisten, Kritikern der Reichsleitung und Verfechtern eines "totalen" Kriegs, wie ihn Hindenburg und Ludendorff bis zu einem deutschen Sieg führen wollten. Den Weg in die Politik sieht Feldman als Sündenfall des Industriellen an, denn Stinnes übertrug die Rezepte, denen er seinen wirtschaftlichen Erfolg verdankte, bruchlos vom Markt auf die Politik, sah diese allein "durch die Brille seiner Geschäftsinteressen". So ging er stets vom Primat der Ökonomie aus und scherte sich herzlich wenig um die politischen Konsequenzen seines Handelns. Stinnes' "zentrale Vision", welche die wirtschaftlichen Interessen den politischen vorordnete, erscheint Feldman "weniger irrational als utopisch, und wie alle utopischen Vorstellungen war sie gefährlich und barg unendlich viele Gefahren".

          In der Weimarer Republik gehörte Stinnes an exponierter Stelle zu jenen, die sich dem Frieden verweigerten, weder die Niederlage noch deren Folgen zu akzeptieren bereit waren. Das mag die von Feldman konstatierte "Zähigkeit, Leidenschaft, Unduldsamkeit und Härte" erklären, mit denen Stinnes seine Unternehmen wieder aufbaute. Vertikale Konzentration, von der Kohle ausgehend, war noch einmal sein Programm als Konzernarchitekt. Doch führte es unter den Bedingungen der Nachkriegszeit, in der Kapital wie Rohstoffe fehlten, der Wert des Geldes verfiel und der Sozialismus drohte, zu anderen Ergebnissen, nämlich zu kaum beherrschbaren Mammutgebilden wie der Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union, einer Interessengemeinschaft von Montan- und Elektroindustrie.

          Stinnes spielte virtuos auf der "Klaviatur der Inflation", weil er deren Mechanismen durchschaute. Doch kaufte er nicht wahllos Unternehmen auf, sondern folgte weiterhin seiner Strategie vertikaler Konzentration. Was Stinnes vor anderen Unternehmern mehr noch als früher auszeichnete und ihm eine herausgehobene Stellung unter den Industriellen sicherte, waren Konsequenz und visionäre Ziele: Er verschrieb sich einem Wiederaufbau im Zeichen der Inflation, suchte seit dem "Stinnes-Legien-Abkommen" die Kooperation mit den Gewerkschaften und machte als Verfechter reiner Marktwirtschaft Front gegen staatliche Eingriffe.

          Doch hatte sich nicht nur die deutsche Wirtschaft durch den, wie Feldman pointiert formuliert, "volkswirtschaftlichen Selbstmord" des Krieges verändert, sondern auch das Verhältnis von Ökonomie und Politik. In der aus den Fugen geratenen Welt der frühen Weimarer Republik konnte Stinnes politische Macht gewinnen, weil er "mit den verwobenen privaten und öffentlichen Interessen zu jonglieren" wußte. Das galt schon für die Industrieverbände, voran den Reichsverband der Deutschen Industrie, aber auch für die Deutsche Volkspartei, als deren Abgeordneter er seit 1920 im Reichstag saß. Vor allem aber kam die Reichsregierung in der Wirtschafts-, Finanz- und Reparationspolitik an ihm weniger denn je vorbei. Ohne die Industrie fanden sich nämlich keine tragfähigen Lösungen, und Stinnes verstand es wie kein anderer, als ihr Sprecher weitsichtige und originelle Pläne mit großer Überzeugungskraft zu präsentieren. Obwohl Feldman ihn "mit seinen Ratschlägen, Programmen und Taten beständig an der Realität" vorbeizielen sieht, gelang es ihm immer wieder, dem Gang der Politik eine andere Richtung zu geben oder ihn zumindest zu blockieren.

          Das half der Weimarer Republik nicht aus den Schwierigkeiten heraus, in denen sie steckte. Denn Stinnes, der "nie eine gut funktionierende politische Demokratie erlebt hatte", die "Regeln des politischen Spiels nicht wirklich durchschaute" und "gern mit politischen Abenteurern paktierte", gefiel sich zwar in der Rolle des Politikers, war aber alles andere als ein "Staatsmann". Das hatte, daran läßt Feldman keinen Zweifel, "sehr unheilvolle Folgen für Deutschland und ihn selbst".

          Mit der politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung der Jahre 1923/24, für die sich Stinnes ein "rechtsautoritäres Regime" gewünscht hätte, um die sozialen Errungenschaften der Revolution zu demontieren, sank sein politischer Einfluß. Keinen Anhaltspunkt findet Feldman hingegen dafür, daß der Industrielle Schwierigkeiten gehabt hätte, sein Firmenimperium von Inflations- und Deflationswirtschaft umzustellen. Nicht Stinnes, der im Frühjahr 1924 starb, sondern seinen Erben mißlang der Schritt in die Zeit relativer Stabilisierung, so daß der Stinnes-Konzern 1925 zusammenbrach.

          Feldmans Biographie zeichnet breit und farbig das Bild eines einfallsreichen und dynamischen, weitsichtigen und risikobereiten Unternehmers, dessen "bedeutendste und kreativste Zeit" Feldman vor dem Ersten Weltkrieg sieht. Stinnes war also weit mehr als nur ein "König der Inflation", und sein politischer Einfluß verdankte sich zwar auch der ökonomischen Macht, die er repräsentierte, wurzelte aber vor allem in der "verkehrten Welt" der frühen Weimarer Republik. Diese öffnete ihm politische Handlungsspielräume, die er "in visionärem Eigensinn" wahrnahm, ohne sie wirklich ausfüllen zu können. Nur ein handlungsfähiger Staat, lautet Feldmans Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Ökonomie, kann Unternehmer wie Hugo Stinnes, die den Primat der Wirtschaft predigen und ihn ohne Rücksicht auf politische Folgen durchsetzen wollen, in die Schranken weisen.

          Das zeigt die Biographie von Hugo Stinnes eindrucksvoll, selbst wenn der Autor bei seiner Liebe fürs Detail die strukturellen Bedingungen, unter denen der Industrielle handelte, nicht so konzise hervortreten läßt, wie man sich das wünschte. Auch mag es befremden, daß Feldman zwar viele Legenden zerstört, die sich um Stinnes' Person und Geschäfte ranken, durch kontrafaktische Überlegungen aber neue zu stiften droht. Das gilt vor allem für die Frage, wie sich Stinnes "in der Zeit der Weltwirtschaftskrise politisch verhalten und welchen Beitrag er womöglich dazu geleistet hätte, die Machtergreifung Hitlers zu verhindern". Hier begibt sich der Autor auf das Feld der Spekulation, zumal er Hugo Stinnes jr. als Kronzeugen aufruft.

          Gerald D. Feldman: "Hugo Stinnes". Biographie eines Industriellen 1870-1924. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. Verlag C. H. Beck, München 1998. 1062 S., 52 Abb., geb., 148,- DM.

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