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Rezension: Sachbuch : Das Erdbebenspiel

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Aus dem Lissabonner Beispiel lasen die deutschen Protestanten den Untergang der Katholiken heraus

          4 Min.

          Am Allerheiligentag 1755 war es auf der Iberischen Halbinsel außergewöhnlich warm. In Lissabon gingen die Menschen schon am frühen Morgen nach draußen. Kurz vor zehn Uhr ereignete sich das Erdbeben, das philosophisch Epoche machte. Innerhalb weniger Minuten starben mindestens 30 000 Menschen. Eine hohe Flutwelle begrub zahllose Flüchtende unter sich. Tagelang loderte eine Feuersbrunst, deren Rauch und Staub den Himmel verdunkelten. Weite Teile der portugiesischen Metropole wurden zerstört. Einige Quellen sprechen von insgesamt 150 000 Toten, doch mag diese Zahl nur die tiefe Erschütterung der Bevölkerung in allen Ländern Europas spiegeln. Denn das Beben von Lissabon war, seismologisch gesehen, nur der Höhepunkt von Erdbewegungen, die die europäische Kontinentalplatte 1755/56 erfassten. Viele Orte des Kontinents erlitten Nachbeben und Erdrutsche. Noch im fernen Königsberg sprach Kant vom "Erdbeben unter unseren Füßen".

          Gern machen die Geisteshistoriker das Beben von Lissabon für den definitiven Zusammenbruch des Optimismus der frühen Aufklärer verantwortlich. Der alte Kirchenglaube an einen gnädigen Schöpfer sei ebenso erschüttert worden wie das deistische Credo, im harmonischen Zusammenspiel aller Elemente der Natur offenbare sich ein erster Beweger. Leibniz' "beste aller Welten" sei in Schutt und Asche versunken und Voltaire ob der radikalen Nihilitätserfahrung zum Atheismus konvertiert. Krisenrhetorik wird bis heute fortgeschrieben. "Haben Sie von den Erdbeben zu Lissabon gehört?", fragt Settembrini Hans Castorp. Adorno entwickelte eine Katastrophentopik "von Lissabon bis Auschwitz". Hans Blumenbergs thrakische Magd lacht, weil in Lissabon die Hoffnung auf eine metaphysische Gesamtdeutung der Wirklichkeit an irreduzibler Kontingenz scheiterte. Ulrich Beck braucht das Beben von Lissabon, um Tschernobyl als apokalyptisches Risiko zu deuten.

          Ulrich Löffler zeigt die große Spannweite der im protestantischen Deutschland geführten Lissabon-Diskurse. Zunächst dekonstruiert er das gängige Deutungsmuster von der "Krise des metaphysischen Optimismus". Dann beschreibt er die reiche Quellenüberlieferung. Schriftsteller publizierten Hunderte von Erdbebengedichten, protestantische Pfarrer geben die Predigten zum Druck, die sie bei den obrigkeitlich angeordneten besonderen Bußtagen gehalten hatten, und in den Zeitungen berichteten Überlebende von ihren grausamen Erlebnissen und tiefen Verstörungen. Leichenberge, brennende Kinder und wahnsinnig werdende Kleriker, die Stoßgebete schrien, deuteten sie als Zeichen kommender apokalyptischer Schrecken.

          Auch die Gelehrten stritten darüber, ob man Beben, Flut und Feuer als eine "Schreckenspost des bald hereinbrechenden Jüngsten Tages" zu deuten habe. Zugleich ging es um den physikotheologischen Vernunftanspruch, die neue empirisch-kritische Wahrnehmung von Naturerscheinungen in einen theologischen Sinnhorizont zu integrieren. War Gott oder eine autonome Natur der Urheber der Katastrophe? Dieser Frage, nicht aber dem "Theodizee-Problem", galt das primäre Interesse der Gelehrten. Mit bisweilen allzu pedantischer Akribie belegt Löffler, wie eng empirische Naturforschung und rationaltheologische Deutung quer durch alle Fakultäten verknüpft blieben. Spannungen zwischen naturkausalen Hypothesen und schöpfungstheologischen Sinnvorgaben machten gerade aufgeklärte Theologen zum Thema, die häufig naturkundliche Feldforschung betrieben. Sofern sie das Beben auf eine immanente Naturkausalität zurückführten, mussten sie zwar die aristotelische Denkfigur der Causa finalis problematisieren. Aber sie formulierten keine generelle Metaphysikkritik.

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