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Rezension: Sachbuch : Das darf doch wohl nicht wahr sein

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Adorno sagte es treffender: Hartmut Winkler entrüstet sich über die Gemeinplätze der Medientheorie

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          Einige mehr oder weniger glänzende Zynismen, ein paar launige Übertreibungen und eine Reihe unverzeihlicher Manierismen gewisser Medientheoretiker hat der Filmwissenschaftler Hartmut Winkler zum Anlaß und Gegenstand einer Habilitationsschrift genommen. Medientheoretiker behaupten, daß das, was wir Sinn, Bedeutung, kurz den Menschen nennen, eine optische Täuschung ist, eine oberflächliche Wirkung tiefer liegender, materieller Ursachen. Michel Foucault hat die Mode aufgebracht, die Ideengeschichte auf anonyme Prozesse zurückzuführen - zuerst auf sogenannte historische Aprioris, dann, weniger idealistisch, auf Techniken der Machtausübung. Die Funktionsweise jener historischen Aprioris und die Selbsthervorbringung der besagten Machttechniken (Gefängnisarchitektur, medizinisches Protokollieren, oder bei uns Medientheoretikern: Radio, Telephonie, Computer) ist so mysteriös wie der Wille zur Macht selbst, der sich darin angeblich ausdrückt. Diese Mode, wir müssen es bekennen, hat das Denken und den Stil einer ganzen Generation von Geisteswissenschaftlern verwüstet, und ihr Gerede vom "Diskurs" konnte sogar bis in die Feuilletons angesehener Tageszeitungen fortwuchern. Trotz allem - die Medientheorie hat in unserer Literatur auch einige Passagen lesbar und einige Quellen bekannt gemacht, die vorher uninterpretiert oder ungelesen geblieben waren.

          Gewitzte Kritiker ziehen heute entweder - wie Alan Sokal - den lächerlich hermetischen Jargon unserer "dekonstruktivistischen" Schule durch den Kakao, oder sie halten - wie Richard Rorty - dem Geraune über anonyme "Mächte" dessen politische Folgenlosigkeit vor - beides zweifellos mit Recht. Hartmut Winkler schließlich stellt sich auf den moralischen Standpunkt - und ab hier wird es langweilig.

          Einige seiner Schlüsse gehen so: Marshall McLuhans Begriff des "globalen Dorfs" läßt sich zurückführen auf die von Pierre Teilhard de Chardin formulierte Idee einer technischen Noosphäre, einer denkenden Struktur, die sich um den Erdball legt; Teilhard war ein jesuitischer Metaphysiker; also hat die Medientheorie ein unbewältigtes metaphysisches Erbe. Worin besteht es? Medientheoretiker machen allgemeine Aussagen - für Winkler ist schon dies das Zeichen einer totalitären Gesinnung, die bekanntlich verpönt ist, seitdem Horkheimer und Adorno die Pluralität der Welten entdeckt haben. Medientheoretiker träumen vom Datenuniversum; Universum bedeutet das Ganze; also sind Medientheoretiker Totalitaristen. Medientheoretiker beobachten, daß die verschiedenen analogen Medien der Vergangenheit geschluckt werden von dem einen digitalen, universellen Medium Computer. Winkler entdeckt in dieser Beobachtung eine "Unifizierungsphantasie". Vor ihr muß Winkler warnen, denn sie ist totalitär.

          Andererseits erkennt Winkler: Kinofilme werden tatsächlich digitalisiert - aber nur, so die Erkenntnis Winklers, unter ästhetischen und semantischen Verlusten (die Winkler nicht weiter beschreibt). Solcherart vor die Wahl zwischen dem Totalitären und dem Trivialen gestellt, wird man sich vielleicht lieber für das erstere entscheiden. Was setzt Winkler der Medientheorie entgegen? Erstens eine Metaphysik des Nicht-Identischen, die man schöner in Adornos "Negativer Dialektik" nachliest. Zweitens eine Zeichentheorie, die in Umberto Ecos "Semiotik und Philosophie der Sprache" professioneller dargelegt ist. Drittens das Programm einer empirischen Internet-Surf-Soziologie, die ebenso sinnlos wäre, wie sie unausgeführt bleibt. Viertens einen Haufen manchmal seitenlanger philosophischer Zitate, die wohl Tatsachenbeobachtungen ersetzen sollen. Schließlich einen Jargon, der fast noch konstruierter ist als die Wissenschaftspoesie der fanatischsten Dekonstruktivisten. CHRISTOPH ALBRECHT

          Hartmut Winkler: "Docuverse". Zur Medientheorie der Computer. Boer Verlag, München 1997. 381 S., geb., 48,- DM.

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