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Rezension: Sachbuch : Das Claron Bridge schillert im Zwielicht

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Wo die Wahrheit eine Legende ist, geht keine Bilanz auf: Terry Eagleton untergräbt die irische Tourismusbranche / Von Martina Bretz

          6 Min.

          Sage mir, wer dich missioniert hat, und ich sage dir, was für ein Volk du bist. Da hätten wir zum Beispiel Wynfreth alias Bonifatius, den Apostel der Deutschen. Der Mann ist aktenkundig: ein Organisationstalent, ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn, standhaft wie die deutsche Eiche, die er fällte. Wir wissen, wann er geboren wurde, wir wissen, wie er starb, und über seinem Grab in Fulda versammelt sich alljährlich die Deutsche Bischofskonferenz. Über den heiligen Patrick hingegen läßt sich folgendes sagen: "Wir wissen eigentlich nicht, wer er war. Wir wissen eigentlich nicht, wo er herkam. Es hat ihn möglicherweise zweimal gegeben. Er hat möglicherweise gar nicht existiert." Das hindert ihn nach Terry Eagleton überhaupt nicht, "ein fabelhafter Schutzheiliger" zu sein. Den Tag des Bonifatius muß man im Heiligenkalender nachschlagen; wann St. Patrick's Day gefeiert wird, weiß jedes irische Kind. Sosehr der Patron der Iren das Ausweichen zu lieben scheint, so präsent ist er im Bewußtsein seiner Schutzbefohlenen, und so ähnlich sind ihm diese: ein "legendäres Volk", wie unter dem Stichwort "Iren, die" in Eagletons Irland-Abc zu erfahren ist.

          Die irische Nation besteht hauptsächlich aus "Leuten, die vom selben Ort wegwollen" oder ihn bereits verlassen haben. Das Land bekommt so eine "unwirkliche Dimension", und was immer man über seine Bewohner sagen kann, ist nur die halbe Wahrheit. Sentimental und selbstkritisch sind sie, liberal und konservativ, aufmüpfig und autoritätsgläubig, unpünktlich und zuverlässig, fromm und pietätlos, "Experten im Spaßhaben" und "Profis in der Selbstzucht", ein Volk von heimatverbundenen Migranten, lebenslustigen Melancholikern und geselligen Individualisten, von Alkoholikern und Abstinenzlern, Kirchgängern und Antiklerikalen, Schwärmern und Spöttern, Heiligen und Hooligans, so wechselhaft wie das irische Wetter und so schwer zu fassen "wie flüssiges Quecksilber" - Eagletons Vexierbild des irischen Charakters ist nach dem Leben gezeichnet.

          Der Ideologiekritiker will den Klischees von keltischen Barden, braven Katholiken und poetischen Prügelknaben entgegentreten und auf die "unerfreuliche Kehrseite" so mancher Idylle aufmerksam machen. Grundstürzend Neues ist dabei sowenig beabsichtigt, wie zu erwarten ist, daß die Wahrheit sich der Ordnung des Alphabets anbequemen könnte. Der buchstäbliche Zufall sorgt allerdings für so reizende Zusammenstellungen wie Feen und Frauen, Himmel und Hungersnot, Kartoffeln und Kelten. Unüberbietbar ist die Anfangssequenz von "Alkohol" über "Anglo-irische Beziehungen" und "Aran-Inseln" hin zur "Auswanderung", urkomisch der rasche Wechsel von der "Lasterhaftigkeit", die es in Irland nicht gibt ("Dafür sorgt schon die katholische Kirche"), zu den "Lästerzungen", "von denen es verhältnismäßig viele gibt". Eagleton selbst zählt eher zu den Spöttern als zu den Schwärmern. Bis an die Grenze der Selbstverleugnung geht der Oxforder Literaturprofessor, wenn er zwar die "eigenwillige Schönheit und Vielfalt" der ältesten Nationalliteratur Europas rühmt, zu Seamus Heaney aber wenig mehr zu sagen hat, als daß er ein "echter irischer Exportschlager" sei. James Joyce ("einer der führenden Wirtschaftszweige Irlands") und William Butler Yeats werden so präsentiert, daß man an der Sprachbeherrschung des ersten und an der Zurechnungsfähigkeit des zweiten zweifeln muß.

          Neben der alles durchwaltenden irischen Ironie steht dahinter Eagletons Kritik an der Vermarktung der irischen Literatur und Landschaft, der Versuch, das Irland-Bild vor der Geschäftstüchtigkeit der Tourismusbranche wie vor der Sentimentalität der Expatriierten zu retten. Der von beiden erzeugten Mischung aus Camelot und keltischem Disneyland stellt er das moderne Irland entgegen, eine Gesellschaft auf dem Sprung vom Mittelalter ins High-Tech-Zeitalter. (Das Industriezeitalter wurde mit freundlicher Unterstützung der englischen Besatzungsmacht übergangen.) Ohne die Traumata der Vergangenheit zu verschweigen, weist Eagleton vor allem auf die Probleme der Gegenwart hin: Der Wirtschaftsboom der neunziger Jahre verdankt sich vorwiegend ausländischem Kapital und hat an der hohen Arbeitslosenquote nichts ändern können, ein latenter Rassismus richtet sich gegen travellers und Asylanten, das ökologische Bewußtsein ist unterentwickelt, die Sexualmoral repressiv. Zwar gibt es in Irland inzwischen "mehr Rechtsanwälte als Kobolde", aber immer noch "mehr Heilige als Psychiater". Gott ist nach wie vor "eine in Irland erstaunlich populäre Gestalt", nur die Jungfrau Maria hat starke Konkurrenz durch Mary Robinson bekommen, jene parteilose Feministin, die die patriarchalisch gesinnten Iren 1990 zur ersten Staatspräsidentin wählten.

          Eagletons Buch ist witzig, intelligent und mit leichter Hand geschrieben. Manchmal vielleicht mit zu leichter Hand, in dem rücksichtsvollen Wunsch, dem Leser nicht die ganze Last der leidvollen Vergangenheit aufzubürden. So kehrt Eagleton das Possenhafte auch jener Episoden der Geschichte hervor, die sonst als Märtyrerdramen gegeben werden: etwa des Versuchs der United Irishmen, 1798 mit Hilfe französischer Truppen die Revolution zu importieren, oder des Aufstands am Ostermontag 1916. Nationale Heroen wie Daniel O'Connell und Charles Stewart Parnell kommen - als "Erfinder" politischer Massenbewegungen - zwar vor, erhalten aber keine eigenen Einträge. Dafür erzählt Eagleton genüßlich von irischen Rebellinnen wie Constance Markievicz und proirischen Exzentrikerinnen wie Charlotte Despard. Denn auch "ein genaues Gespür für das Lächerliche, nicht zuletzt, wenn es sie selbst betrifft", zählt zu den Eigenschaften der Iren. Ihren hintersinnigen Humor versucht Eagleton in actu vorzuführen, wenn er vom "Book of Kells" ("so hinreißend nun auch wieder nicht") zu sanitären Anlagen abschweift und sich beim Eintrag "Phoenix Park" über das Verhältnis der Iren zur Europäischen Union ausläßt: "Für ihre Gedankensprünge sind die Iren schließlich berühmt."

          Bei aller Sprunghaftigkeit scheut sich Eagleton nicht, die Dinge beim Namen zu nennen: Irland bezeichnet er als "die erste postkoloniale Gesellschaft der Moderne" und rückt das Verhalten der englischen Regierung während der Großen Hungersnot in die Nähe des Genozids. Klug und konzis sind seine kurzen Abrisse zur Geschichte der irischen Unabhängigkeit, zu Sozialstruktur und Politik der Gegenwart und zum Nordirland-Konflikt ("Keine irische Kartoffel kann heißer sein"). Hegt Eagleton gewisse Sympathie für jene jungen Iren, die die Vergangenheit hinter sich lassen wollen, so führt er in einem meisterhaften Abschnitt über "Moore" die andauernde Gegenwart des Vergangenen vor. Souverän gelingt hier der Übergang von der Geologie zur Mentalitätsgeschichte, von den Schichten und Formationen der boglands zu denen der irischen Psyche.

          Subtile Rache für die systematische Ausrottung ihrer Sprache nehmen die Iren, indem sie Lautstruktur (siehe "fugghan"!) und grammatische Eigenheiten des Gälischen ins Englische übertragen, die Briten in der Schwärze ihres Humors übertreffen und im understatement unterbieten. Der irische Humor ist abgründig und gelegentlich aggressiv, und die Iren sind Meister im Bagatellisieren wie in der Übertreibung. Ihre blühende Phantasie, ihre Beredsamkeit und poetische Begabung sind nach Eagleton nicht nur dem Wunsch entsprungen, einen "Mangel an Nahrung" durch einen "Überfluß an Worten" auszugleichen. Ironie und Doppeldeutigkeit bis hin zur direkten Lüge dienten als Überlebensstrategie. Blarney, ein englischer Ausdruck für Schmeichelei, verdankt sich der Zungenfertigkeit eines irischen Earls, der Elisabeth I. in so blumigen Worten huldigte, daß seiner Rede nicht zu entnehmen war, ob er sich, wie gefordert, unterwarf oder nicht.

          Die Iren sind nicht faul, nur gelassen." Eagleton porträtiert sie als ein Volk von fast südlicher Heiterkeit und "Nonchalance". Das Fortkommen im Leben betrachten sie mit skeptischem Blick, herausragende Leistungen als Folge einer Geistesstörung. Sie haben ein lockeres Verhältnis zur Wahrheit, zur Zeit und zum Tod und pflegen einen entspannten Umgang mit Geld und Gesetz und selbst mit der Religion. Regeln werden frei ausgelegt, "auch wenn Gott sie sich ausgedacht hat". Kein Wunder, daß die Iren trotz allem und allen zum Trotz ein zufriedenes Volk sind: Mehr als neunzig Prozent von ihnen bezeichnen sich als "glücklich" - sofern sie auf der Grünen Insel leben. Noch heute wird der ökonomische Zwang zur Auswanderung als traumatisch erfahren: Von allen ethnischen Gruppen in England haben die Iren die höchste Suizidrate und stellen den größten Anteil an Psychiatriepatienten.

          Eagleton bietet Fakten statt Mythen, Zahlen statt Märchen. Doch seine Vorliebe für die Statistik ist mit Vorsicht zu genießen. Um die Iren von dem Verdacht zu befreien, eine allzu whiskeyselige Nation zu sein, führt er den niedrigen Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol an. Berücksichtigt man aber die hohe Zahl der Abstinenzler und den Umstand, daß fast ein Drittel der Bevölkerung unter fünfzehn ist, steigt der Alkoholkonsum sofort wieder dramatisch.

          Der Attitüde des Aufklärers, der sich der kritischen Prüfung gängiger Klischees verschrieben hat, sollte man nicht aufsitzen. Kaum hat er etwas ins Reich der Fabel verwiesen, malt Eagletons Fabulierlust ein anderes Detail aus: "Selbstverständlich" gebe es in Irland keine Feen mehr, erklärt er und berichtet von der letzten Feen-Versammlung, auf der das stille Volk sich zur Auswanderung entschloß, da es "in einem sich rasch modernisierenden Land nicht mehr gebraucht" werde. Wie die Aran-Inseln ist vieles in Irland "real und mythisch zugleich". Die Wahrheit über die Iren ist - was könnte es Schöneres geben - eine irische Fiktion.

          Von Flann O'Brien, einem in seinem Hang zu drastischer Übertreibung und freimütiger Flunkerei besonders realistischen irischen Schriftsteller, stammt die Geschichte von Dermot Trellis, der alle Farben außer Grün als Symbole des Bösen ansah und daher seine Lektüre auf Bücher mit grünem Einband beschränkte. Der Einband von Eagletons Buch ist grün. Sie können es daher bedenkenlos lesen.

          Terry Eagleton: "Die Wahrheit über die Iren". Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Verlag C. H. Beck, München 2000. 172 S., br., 29,80 DM.

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