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Rezension: Sachbuch : Das Claron Bridge schillert im Zwielicht

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Wo die Wahrheit eine Legende ist, geht keine Bilanz auf: Terry Eagleton untergräbt die irische Tourismusbranche / Von Martina Bretz

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          Sage mir, wer dich missioniert hat, und ich sage dir, was für ein Volk du bist. Da hätten wir zum Beispiel Wynfreth alias Bonifatius, den Apostel der Deutschen. Der Mann ist aktenkundig: ein Organisationstalent, ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn, standhaft wie die deutsche Eiche, die er fällte. Wir wissen, wann er geboren wurde, wir wissen, wie er starb, und über seinem Grab in Fulda versammelt sich alljährlich die Deutsche Bischofskonferenz. Über den heiligen Patrick hingegen läßt sich folgendes sagen: "Wir wissen eigentlich nicht, wer er war. Wir wissen eigentlich nicht, wo er herkam. Es hat ihn möglicherweise zweimal gegeben. Er hat möglicherweise gar nicht existiert." Das hindert ihn nach Terry Eagleton überhaupt nicht, "ein fabelhafter Schutzheiliger" zu sein. Den Tag des Bonifatius muß man im Heiligenkalender nachschlagen; wann St. Patrick's Day gefeiert wird, weiß jedes irische Kind. Sosehr der Patron der Iren das Ausweichen zu lieben scheint, so präsent ist er im Bewußtsein seiner Schutzbefohlenen, und so ähnlich sind ihm diese: ein "legendäres Volk", wie unter dem Stichwort "Iren, die" in Eagletons Irland-Abc zu erfahren ist.

          Die irische Nation besteht hauptsächlich aus "Leuten, die vom selben Ort wegwollen" oder ihn bereits verlassen haben. Das Land bekommt so eine "unwirkliche Dimension", und was immer man über seine Bewohner sagen kann, ist nur die halbe Wahrheit. Sentimental und selbstkritisch sind sie, liberal und konservativ, aufmüpfig und autoritätsgläubig, unpünktlich und zuverlässig, fromm und pietätlos, "Experten im Spaßhaben" und "Profis in der Selbstzucht", ein Volk von heimatverbundenen Migranten, lebenslustigen Melancholikern und geselligen Individualisten, von Alkoholikern und Abstinenzlern, Kirchgängern und Antiklerikalen, Schwärmern und Spöttern, Heiligen und Hooligans, so wechselhaft wie das irische Wetter und so schwer zu fassen "wie flüssiges Quecksilber" - Eagletons Vexierbild des irischen Charakters ist nach dem Leben gezeichnet.

          Der Ideologiekritiker will den Klischees von keltischen Barden, braven Katholiken und poetischen Prügelknaben entgegentreten und auf die "unerfreuliche Kehrseite" so mancher Idylle aufmerksam machen. Grundstürzend Neues ist dabei sowenig beabsichtigt, wie zu erwarten ist, daß die Wahrheit sich der Ordnung des Alphabets anbequemen könnte. Der buchstäbliche Zufall sorgt allerdings für so reizende Zusammenstellungen wie Feen und Frauen, Himmel und Hungersnot, Kartoffeln und Kelten. Unüberbietbar ist die Anfangssequenz von "Alkohol" über "Anglo-irische Beziehungen" und "Aran-Inseln" hin zur "Auswanderung", urkomisch der rasche Wechsel von der "Lasterhaftigkeit", die es in Irland nicht gibt ("Dafür sorgt schon die katholische Kirche"), zu den "Lästerzungen", "von denen es verhältnismäßig viele gibt". Eagleton selbst zählt eher zu den Spöttern als zu den Schwärmern. Bis an die Grenze der Selbstverleugnung geht der Oxforder Literaturprofessor, wenn er zwar die "eigenwillige Schönheit und Vielfalt" der ältesten Nationalliteratur Europas rühmt, zu Seamus Heaney aber wenig mehr zu sagen hat, als daß er ein "echter irischer Exportschlager" sei. James Joyce ("einer der führenden Wirtschaftszweige Irlands") und William Butler Yeats werden so präsentiert, daß man an der Sprachbeherrschung des ersten und an der Zurechnungsfähigkeit des zweiten zweifeln muß.

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