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Rezension: Sachbuch : Das Claron Bridge schillert im Zwielicht

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Subtile Rache für die systematische Ausrottung ihrer Sprache nehmen die Iren, indem sie Lautstruktur (siehe "fugghan"!) und grammatische Eigenheiten des Gälischen ins Englische übertragen, die Briten in der Schwärze ihres Humors übertreffen und im understatement unterbieten. Der irische Humor ist abgründig und gelegentlich aggressiv, und die Iren sind Meister im Bagatellisieren wie in der Übertreibung. Ihre blühende Phantasie, ihre Beredsamkeit und poetische Begabung sind nach Eagleton nicht nur dem Wunsch entsprungen, einen "Mangel an Nahrung" durch einen "Überfluß an Worten" auszugleichen. Ironie und Doppeldeutigkeit bis hin zur direkten Lüge dienten als Überlebensstrategie. Blarney, ein englischer Ausdruck für Schmeichelei, verdankt sich der Zungenfertigkeit eines irischen Earls, der Elisabeth I. in so blumigen Worten huldigte, daß seiner Rede nicht zu entnehmen war, ob er sich, wie gefordert, unterwarf oder nicht.

Die Iren sind nicht faul, nur gelassen." Eagleton porträtiert sie als ein Volk von fast südlicher Heiterkeit und "Nonchalance". Das Fortkommen im Leben betrachten sie mit skeptischem Blick, herausragende Leistungen als Folge einer Geistesstörung. Sie haben ein lockeres Verhältnis zur Wahrheit, zur Zeit und zum Tod und pflegen einen entspannten Umgang mit Geld und Gesetz und selbst mit der Religion. Regeln werden frei ausgelegt, "auch wenn Gott sie sich ausgedacht hat". Kein Wunder, daß die Iren trotz allem und allen zum Trotz ein zufriedenes Volk sind: Mehr als neunzig Prozent von ihnen bezeichnen sich als "glücklich" - sofern sie auf der Grünen Insel leben. Noch heute wird der ökonomische Zwang zur Auswanderung als traumatisch erfahren: Von allen ethnischen Gruppen in England haben die Iren die höchste Suizidrate und stellen den größten Anteil an Psychiatriepatienten.

Eagleton bietet Fakten statt Mythen, Zahlen statt Märchen. Doch seine Vorliebe für die Statistik ist mit Vorsicht zu genießen. Um die Iren von dem Verdacht zu befreien, eine allzu whiskeyselige Nation zu sein, führt er den niedrigen Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol an. Berücksichtigt man aber die hohe Zahl der Abstinenzler und den Umstand, daß fast ein Drittel der Bevölkerung unter fünfzehn ist, steigt der Alkoholkonsum sofort wieder dramatisch.

Der Attitüde des Aufklärers, der sich der kritischen Prüfung gängiger Klischees verschrieben hat, sollte man nicht aufsitzen. Kaum hat er etwas ins Reich der Fabel verwiesen, malt Eagletons Fabulierlust ein anderes Detail aus: "Selbstverständlich" gebe es in Irland keine Feen mehr, erklärt er und berichtet von der letzten Feen-Versammlung, auf der das stille Volk sich zur Auswanderung entschloß, da es "in einem sich rasch modernisierenden Land nicht mehr gebraucht" werde. Wie die Aran-Inseln ist vieles in Irland "real und mythisch zugleich". Die Wahrheit über die Iren ist - was könnte es Schöneres geben - eine irische Fiktion.

Von Flann O'Brien, einem in seinem Hang zu drastischer Übertreibung und freimütiger Flunkerei besonders realistischen irischen Schriftsteller, stammt die Geschichte von Dermot Trellis, der alle Farben außer Grün als Symbole des Bösen ansah und daher seine Lektüre auf Bücher mit grünem Einband beschränkte. Der Einband von Eagletons Buch ist grün. Sie können es daher bedenkenlos lesen.

Terry Eagleton: "Die Wahrheit über die Iren". Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Verlag C. H. Beck, München 2000. 172 S., br., 29,80 DM.

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