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Rezension: Sachbuch : Das Claron Bridge schillert im Zwielicht

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Neben der alles durchwaltenden irischen Ironie steht dahinter Eagletons Kritik an der Vermarktung der irischen Literatur und Landschaft, der Versuch, das Irland-Bild vor der Geschäftstüchtigkeit der Tourismusbranche wie vor der Sentimentalität der Expatriierten zu retten. Der von beiden erzeugten Mischung aus Camelot und keltischem Disneyland stellt er das moderne Irland entgegen, eine Gesellschaft auf dem Sprung vom Mittelalter ins High-Tech-Zeitalter. (Das Industriezeitalter wurde mit freundlicher Unterstützung der englischen Besatzungsmacht übergangen.) Ohne die Traumata der Vergangenheit zu verschweigen, weist Eagleton vor allem auf die Probleme der Gegenwart hin: Der Wirtschaftsboom der neunziger Jahre verdankt sich vorwiegend ausländischem Kapital und hat an der hohen Arbeitslosenquote nichts ändern können, ein latenter Rassismus richtet sich gegen travellers und Asylanten, das ökologische Bewußtsein ist unterentwickelt, die Sexualmoral repressiv. Zwar gibt es in Irland inzwischen "mehr Rechtsanwälte als Kobolde", aber immer noch "mehr Heilige als Psychiater". Gott ist nach wie vor "eine in Irland erstaunlich populäre Gestalt", nur die Jungfrau Maria hat starke Konkurrenz durch Mary Robinson bekommen, jene parteilose Feministin, die die patriarchalisch gesinnten Iren 1990 zur ersten Staatspräsidentin wählten.

Eagletons Buch ist witzig, intelligent und mit leichter Hand geschrieben. Manchmal vielleicht mit zu leichter Hand, in dem rücksichtsvollen Wunsch, dem Leser nicht die ganze Last der leidvollen Vergangenheit aufzubürden. So kehrt Eagleton das Possenhafte auch jener Episoden der Geschichte hervor, die sonst als Märtyrerdramen gegeben werden: etwa des Versuchs der United Irishmen, 1798 mit Hilfe französischer Truppen die Revolution zu importieren, oder des Aufstands am Ostermontag 1916. Nationale Heroen wie Daniel O'Connell und Charles Stewart Parnell kommen - als "Erfinder" politischer Massenbewegungen - zwar vor, erhalten aber keine eigenen Einträge. Dafür erzählt Eagleton genüßlich von irischen Rebellinnen wie Constance Markievicz und proirischen Exzentrikerinnen wie Charlotte Despard. Denn auch "ein genaues Gespür für das Lächerliche, nicht zuletzt, wenn es sie selbst betrifft", zählt zu den Eigenschaften der Iren. Ihren hintersinnigen Humor versucht Eagleton in actu vorzuführen, wenn er vom "Book of Kells" ("so hinreißend nun auch wieder nicht") zu sanitären Anlagen abschweift und sich beim Eintrag "Phoenix Park" über das Verhältnis der Iren zur Europäischen Union ausläßt: "Für ihre Gedankensprünge sind die Iren schließlich berühmt."

Bei aller Sprunghaftigkeit scheut sich Eagleton nicht, die Dinge beim Namen zu nennen: Irland bezeichnet er als "die erste postkoloniale Gesellschaft der Moderne" und rückt das Verhalten der englischen Regierung während der Großen Hungersnot in die Nähe des Genozids. Klug und konzis sind seine kurzen Abrisse zur Geschichte der irischen Unabhängigkeit, zu Sozialstruktur und Politik der Gegenwart und zum Nordirland-Konflikt ("Keine irische Kartoffel kann heißer sein"). Hegt Eagleton gewisse Sympathie für jene jungen Iren, die die Vergangenheit hinter sich lassen wollen, so führt er in einem meisterhaften Abschnitt über "Moore" die andauernde Gegenwart des Vergangenen vor. Souverän gelingt hier der Übergang von der Geologie zur Mentalitätsgeschichte, von den Schichten und Formationen der boglands zu denen der irischen Psyche.

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