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Rezension: Sachbuch : Darum bin ich froh, daß ich ein Dicker bin

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Richard Klein predigt die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unpfündigkeit / Von Martin Mosebach

          5 Min.

          Ganz kleine Portionen, ganz leicht, ganz ohne Fett!" verspricht der Patron des Restaurants mit werbendem, beruhigendem Tonfall, während sich bange Blicke auf ihn richten. "Sollen wir heute mal sündigen?" flüstert der eine Gast dem andern halb lüstern, halb verlegen zu. "Sie können sich das ja leisten!" ist die jammernde Antwort, die von einer indiskreten Betrachtung der fremden Leiblichkeit begleitet ist. Für eine Welt, in der solche Dialoge geführt werden - wer wagt zu behaupten, daß er nicht zu ihr gehöre? -, hat der amerikanische Romanist Richard Klein sein Buch "Eat fat", zu deutsch "Schöne fette Welt - ein Lob der Fülle" geschrieben.

          Es ist unüblich, in einer Rezension auf die Physis des Autors einzugehen, aber da Klein den Leser ausführlich mit der Schilderung des eigenen und des Körpers seiner Mutter unterhält, lädt er zum Studium seiner Photographie auf der Umschlagklappe geradezu ein. Ein sympathisch jugendlich amüsiertes Gesicht wächst da aus einem langen Hals heraus, der fast so dick wie der Kopf ist, man denkt an die mächtige Raupe mit Menschenhaupt aus den Tenniell-Illustrationen zu "Alice im Wunderland". Professor Klein gehört jedenfalls nicht zu den Propheten, die öffentlich Wein predigen und heimlich Wasser trinken - sein Bild gibt seiner Argumentation Gewicht.

          "Man kann nicht reich genug und nicht dünn genug sein", lehrte Wallis Simpson, Herzogin von Windsor, und sprach damit einen der wenigen unumstritten gebliebenen Glaubenssätze des Jahrhunderts aus. Niemals ist der moralische Imperativ des Puritanismus amerikanischer Prägung auf eine kürzere Formel gebracht worden. In der Zone der westlichen Industriestaaten hat sich das uralte Erscheinungsbild der sozialen Klassen in sein Gegenteil verkehrt: Nicht mehr der ausgemergelte Leibeigene steht dem kapaunenhaft gemästeten Grundherrn gegenüber, sondern der fettleibige Arbeitslose der zum Skelett abgemagerten Ehefrau des Milliardärs.

          Um das Leben in den irdischen Paradiesen genießen zu können, muß man jung und sexuell begehrenswert sein. Die Jugend läßt sich nicht halten, und die Anziehung läßt sich nicht erzwingen, und deshalb war es von entscheidender Bedeutung, einen dritten Wert einzuführen, der mit Willensanstrengung zu erreichen und wie ein Joker geeignet war, die beiden anderen Werte zu ersetzen: Dünnsein führt nicht nur zu Gesundheit und Schönheit, es ist dasselbe wie Gesundheit und Schönheit. Solche Setzungen, die einen Sieg über die medizinische Erkenntnis und den sexuellen Instinkt enthalten, offenbaren dem staunenden Blick die Kraft des menschlichen Geistes.

          Die Anbetung des Dünnseins ist ein Axiom, sie kann weder begründet noch gerechtfertigt werden und beweist gerade dadurch ihre allgemein verbindliche Gewalt. Zu allen Zeiten ist gegen den Manierismus der jeweiligen herrschenden Mode angeschrieben worden. Ärzte bewiesen, wie ungesund sie sei - jede Mode ist ungesund, um gerade dadurch den Anschein von Vitalität, Kraft, Schönheit, kurz, Gesundheit zu erzeugen. Wie viele Leute, die vorhatten, ihr Leben zu zerstören, das in unserer Zeit durch Diäten, Hungerkuren und selbstgezüchtete, auf das Essen bezogene Geisteskrankheiten getan haben, wird sich vermutlich niemals ermessen lassen; mit Sicherheit wird ihre Zahl in einer bedenklichen Relation zu den Opfern der Völlerei stehen. Aber solche Überlegungen gleichen den Warnungen im vorigen Jahrhundert, das Korsett zu eng zu schnüren - keine der Mißbildungen, die der Schnürleib hervorgerufen hat, vermochte von seinem Gebrauch abzuschrecken, und als seine Zeit abgelaufen war, hätte auch eine Göttin ihn den Frauen nicht mehr aufzwingen können.

          Richard Klein weiß, daß es gegen die Mode kein Argument gibt. Sein Buch unterscheidet sich deshalb entscheidend von einer Streitschrift gegen die herrschende Unvernunft des Magerkeitskultes. Gewiß, Klein läßt kein gutes Haar an einer Nahrungsmittelindustrie, die durch pseudodiätetische Produkte die Kundschaft erst recht ins Fressen hineintreibt. Er legt auf sehr komische Weise dar, wie die ständige Angst vor dem Zunehmen niemanden daran hindert, genauso dick zu werden, wie wenn er mit Lust gegessen hätte, was ihm schmeckt. Er deklariert die heute verdrängte Tatsache, daß es eine ungesunde und eine gesunde Art gibt, dick zu sein. Er beschreibt den sexuellen Gusto, der sich gerade an dicken Körpern erfreut, in einer Einfühlsamkeit, die einer Aufforderung, es in dieser Richtung doch auch einmal zu versuchen, nahe kommt. Wenn in "Tausendundeiner Nacht" schöne Jungfrauen und Jünglinge "vollkommen wie Monde" erscheinen, ist oft von dem Zauber ihrer unzähligen Fettfältchen die Rede. Klein macht eine erotische Verehrung schönen Fettes in fast allen Jahrhunderten und Kulturen der Weltgeschichte ausfindig, und das gibt der Zuwendung zum Dünnen in unserem Jahrhundert den Charakter eines revolutionären Traditionsbruches in der ästhetischen Sehweise.

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