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Rezension: Sachbuch : Darf in einem gebildeten Haus fehlen

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Die Deutsche Biographische Enzyklopädie lehrt das Wegdenken / Von Patrick Bahners

          Wer war eigentlich Gerhard Schröder? Wer sich in Zukunft diese Frage stellt, findet im neunten Band der Deutschen Biographischen Enzyklopädie (DBE) einen 1910 in Saarbrücken geborenen und 1989 in Kampen auf Sylt verstorbenen Politiker. Dieser Gerhard Schröder studierte in Königsberg, Edinburgh, Berlin und Bonn, gehörte sowohl der NSDAP als auch der Bekennenden Kirche an, war einer der Begründer der Union, deren Evangelischen Arbeitskreis er leitete, und wurde Bundesminister für Inneres, Äußeres und Verteidigung. Noch weitere Daten enthält der Eintrag, der mit seinen 27 Zeilen zu den längeren der DBE gehört. Aber weiß man nach seiner Lektüre, wer Gerhard Schröder war? Verwies das Studium in Edinburgh schon voraus auf die atlantische Orientierung des Außenpolitikers? Von dieser ist freilich nicht die Rede. Sechzehn Jahre in drei klassischen Ressorts werden auf ein paar Hauptaktionen reduziert: hie das KPD-Verbot, da die Eröffnung von Handelsmissionen in Staaten des Warschauer Pakts. Von den Maximen des Staatsmanns, von den Karrierezielen des Politikers kein Wort, zu schweigen von seinem Charakter, seiner Herkunft und Bildungswelt. Man erfährt nicht, dass auch dieser Gerhard Schröder gut hätte Bundeskanzler werden können.

          In der letzten Zeile steht hinter dem Symbol eines aufgeschlagenen Buches das Wort "Munzinger". Das Zeichen, erläutern die "Hinweise für den Benutzer", verweist "auf eine weiterführende lexikalische Literaturangabe". Das ist vornehm ausgedrückt für "Quelle" oder "abgeschrieben aus". Die Daten stammen aus Munzingers Internationalem Biographischen Archiv. Weiterführendes findet man dort nicht, nur ein paar Fakten mehr. Die DBE, die "eine Kultur- und Zivilisationsgeschichte in Einzelporträts" sein will, hat zehn Jahre nach Schröders Tod keine historische Einordnung dieser Gründerfigur unserer zivilen Republik zu bieten und erst recht kein Porträt, sondern nur einen Lebenslauf, wie er zu Lebzeiten genügte, als ihn noch jedermann kannte.

          Redaktionsschluss des neunten Bandes war der 30. September 1998. Seit drei Tagen stand endgültig fest, dass ein anderer Gerhard Schröder sich seinen Platz in der ersten Reihe der deutschen historischen Erinnerung erkämpft hatte. Auch wenn der Kanzler morgen gestürzt wird, wird er nicht dem Alter, aber dem Rang nach immer Schröder maior bleiben. Wir werden ihn nicht vergessen. Wer aber bewahrt die Erinnerung an die Gestalten der zweiten Reihe, denen vielleicht nicht das Verdienst, nur das Glück gefehlt hat? Dafür gibt es biographische Enzyklopädien. Sollte man denken.

          Die DBE mit ihren zehn Bänden und 60000 Einträgen ist in nur vier Jahren vollendet worden. Das nimmt sich imposant aus im Vergleich mit dem gravitätischen Voranschreiten der Neuen Deutschen Biographie (NDB), die nach 46 Jahren und 19 Bänden den Buchstaben P erreicht hat. Aber dieser Vergleich ist unfair. Die DBE ist, dem Anspruch des Titels zum Trotz, keine Nationalbiographie nach dem unerreichten Vorbild des Dictionary of National Biography (DNB). Als biographische Enzyklopädie der deutschsprachigen Länder eignet sich die DBE so gut wie "Unser Jahrhundert" von Guido Knopp als Geschichte unseres Jahrhunderts.

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