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Rezension: Sachbuch : Damit wir nicht alles gutreden

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Der Satz, daß Sein und Sollen am Ende gleichen Umfang und Ursprung haben, ist eine These, die Begriffsrealisten von einst leicht von den Lippen ging. Zu leicht, meinte der Nominalismus, der diese These zum "naturalistischen Fehlschluß" erklärt hat, dabei freilich nicht immer bedachte, daß "Sein" sehr vielfach ...

          Der Satz, daß Sein und Sollen am Ende gleichen Umfang und Ursprung haben, ist eine These, die Begriffsrealisten von einst leicht von den Lippen ging. Zu leicht, meinte der Nominalismus, der diese These zum "naturalistischen Fehlschluß" erklärt hat, dabei freilich nicht immer bedachte, daß "Sein" sehr vielfach ausgesagt werden kann und kaum jemand, der an dem "ens et bonum convertuntur" festhielt, alles, was es bloß "gibt", damit schon gutreden wollte. Georg Jelineks "Normativität des Faktischen" dagegen ist unter nominalistischen Prämissen formuliert. Sie ist eine empirische These über die das empirische Bewußtsein bindende Macht empirischer Tatsachen. Daß es die Unfreiheit gibt, heißt nach Hegel nicht, daß sie sein soll; daß Freiheit wirklich ist, heißt, daß sie selbst ihr Seinsollen zeigt. Wer weiß, was er tut, kann von einer "Normativität des Wirklichen" sprechen - wie dies in der Festschrift getan wird, die Robert Spaemann zu seinem am 5. Mai gefeierten Fünfundsiebzigsten ehrt.

          Zustande gekommen ist ein stattlicher Band, den prominente Namen zieren und dessen Beiträge sich in den meisten Fällen zwanglos als Versuche über die Reichweite "realistischen" Denkens heute verstehen lassen. Den Reigen eröffnet Rémi Brague mit einer historischen Studie über die Zweitheit des Sollens, das nur als Seinsdefekt und Mangel des Guten bewußt wird, daher in der antiken Ethik kaum herauspräpariert, geschweige denn zur Ethikbegründung herangezogen wurde und erst bei Anselm von Canterbury als Signatur der conditio humana ausgesprochen ist. Brague weist darauf hin, daß diese Depotenzierung des Sollens nur die Kehrseite einer Vollkommenheitsmetaphysik ist, deren kosmologischer Seite Rolf Schönberger in einem Beitrag über das Fortleben einer bei Platon ausdrücklich gemachten "Bestandsgarantie" der Welt im Mittelalter nachgeht. Schönberger zeigt, daß auch das Mittelalter nicht nur in apokalyptischen Farben malte, ja den Gedanken einer wirklichen "Annihilation" der Schöpfung zurückwies. Methodische "Annihilation" von Welt, schon von Descartes in "Le Monde" als Bedingung ihrer theoretischen Rekonstruktion aufgezeigt, liegt dagegen in Kants Metaphysikkritik, und es nimmt nicht wunder, daß jetzt das Sollen "früher" ist als das Sein, der Kampf gegen das Sinnliche Pflicht.

          Tatsächlich aber kämpft bei Kant, so Thomas Buchheim, Vernunft nicht gegen "das", sondern gegen "den" Sinnlichen, das andere Subjekt, das ich gerade im Lichte des Sollens selber bin. Das Problem der "vielen Subjekte" und "Handlungskeime" in mir soll man jedoch nicht mit Hume durch Streichung der Subjektkategorie umschiffen. Buchheim plädiert im Sinne nicht überhaupt praktischer, sondern Praxis initiierender Vernunft vielmehr für die aristotelische Tugend, welche vernunftgeleitete Personeinheit gerade auch "vielfärbiger Subjekte" (Kant) zu denken erlaubt. Kant hätte Effektivitätskriterien in der Ethikbegründung freilich zurückgewiesen. Es ist eine Frage der Ontologie, die man hat, ob das "gute Leben" die Normen gibt oder diese, freiheitsgezeugt, das Leben von innen heraus erst gut sein lassen.

          Die angesprochenen Themen führen bereits auf Problemkreise, die Robert Spaemann wiederholt fundamentalphilosophisch beschäftigt haben. Spaemann steht wie wenige heute für ein nicht-reduktionistisches Wirklichkeitsdenken, in dessen Namen er - für Fachgenossen wie dank seiner jargonfrei-frischen Essayistik auch für das größere Publikum - Themen reaktiviert hat, die zum Kernbestand europäischen Denkens zählen, dennoch aber an die Peripherie gerückt sind und (mit Spaemann zu reden) der "gebildeten Menschen" harren, die sie in die Sprache der Philosophie zurückholen: Themen wie Natur und Vernunft, Religion und Gott, Teleologie. Peter Geach hat als unverdächtiger Zeuge im vorliegenden Band die relative Nichteliminierbarkeit teleologischen Denkens noch aus der Sprache der Physik, aus der Konstitution von Kausalität aufgezeigt; im Ausgang von Mill schlägt er die Rekonstruktion von Kausalitäten in einer "Logik des Imperativs" vor, die keineswegs zwingend sogleich einen Befehlenden voraussetzt, aber Räume für Kontingenzen läßt. Der Sache nach wird hier am Ende ein Rüstzeug geliefert, den kühnen Gedanken Leibnizens von der "Existenzprätention" des Möglichen durchzubuchstabieren, Teleologie also nachgerade ontologisch zu verankern.

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