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Rezension: Sachbuch : Comme des Artistes

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Das Buch "Chic Clicks" verwischt vorsätzlich die Grenzen zwischen Kunstfotografie und Modefotografie. Die Übergänge sind unscharf: Letzten Sommer präsentierte die Londoner Galerie "White Cube" einige "Versace-Shots" des Fotografen Steven Meisel; ein Jahr zuvor erhält der Modefotograf Norbert Schörner ...

          Das Buch "Chic Clicks" verwischt vorsätzlich die Grenzen zwischen Kunstfotografie und Modefotografie. Die Übergänge sind unscharf: Letzten Sommer präsentierte die Londoner Galerie "White Cube" einige "Versace-Shots" des Fotografen Steven Meisel; ein Jahr zuvor erhält der Modefotograf Norbert Schörner von den Künstlern Dinos und Jake Chapman den Auftrag, deren monumentales Szenario "Hell" quasi exklusiv vorab zu fotografieren - kurze Zeit später waren die kaum weniger monumentalen C-Prints in den Kunst-Werken Berlin zu sehen. Umgekehrt gestaltete Cindy Sherman 1994 in gewohnt schauerlicher Manier die Werbekampagne für "Comme des Garçons", während der New Yorker Künstler Richard Prince seine aus Zeitschriften refotografierten Bilder neuerdings dem Medium zurückgibt - namentlich den Magazinen "i-D" und "Purple".

          Wenn die Übergänge zu verschwinden drohen, werden stilsichere Bekenntnisse selten. Das ist einerseits zu begrüßen angesichts der Tatsache, daß die Gralshüter der Kunst sich mit der Fotografie von Beginn an betont schwer taten. Andererseits wußten gerade die Apologeten der Postmoderne sich mehr oder weniger geschickt um präzise Aussagen herumzumogeln. Mit dem jüngst erschienenen Buch "Chic Clicks" liegt nun ein Versuch vor, diese Zusammenhänge nachzuzeichnen, und zwar am Beispiel der Modefotografie. Vorgestellt werden Arbeiten von vierzig Fotografen. Jedenfalls bemerkenswert ist dabei die Stellungnahme des Herausgebers Ulrich Lehmann, einige Agenten und Galeristen hätten ihren Fotografen nicht erlaubt, an der Ausstellung teilzunehmen: Das "Verwischen der Grenzen von Kreativität und Kommerz" scheint ihnen offensichtlich doch nicht ganz geheuer gewesen zu sein.

          Aber weder läßt sich die Kunst vom Kommerz, noch die Modefotografie vom Mythos der Kreativität abkoppeln. Dasselbe gilt für die Unterscheidung zwischen "Kunst und Auftrag", die das Buch im Untertitel bemüht. Wenn "Chic Clicks" etwas verwischt, dann sind es verschiedene Kontexte, die sich nicht länger auf die Autonomie kreativer Beschäftigung berufen können - sei sie künstlerischer oder angewandter Natur. Das geschieht insbesondere im umfangreichen Bildteil des sorgfältig gestalteten Bands: Darin lassen sich die Bezüge und Nahtstellen an einzelnen Fotografien erproben - an den Referenzen innerhalb des eigenen Genres und "fachfremder" Disziplinen, an den Traditionen ureigenster und fremder Medien, Codes und deren Bedeutungen: Terry Richardsons Werbekampagne für "Sisley" etwa bewegt sich ganz offenherzig in den Gefilden einer billigen Porno-Ästhetik, auch wenn das Motiv des Saustalls so manches Mal allzu augenscheinliche Konnotationen bemüht. Anders Edströms Foto-Strecken für "Miu Miu" verfolgen ein junges Model durch die Londoner Innenstadt; es sind Blicke eines Passanten, rasche Musterungen im Vorbeilaufen. Der ebenfalls in London lebende Fotograf Jimo Salako hingegen untersucht die symbolische Ordnung jugendlicher peer groups, weit davon entfernt, den Schlüssel für ein potentielles Kundenprofil ermitteln zu wollen. Hinter diesen Fotografien scheint ein bildnerisches Interesse auf, in dessen Zentrum offenbar die Auseinandersetzung mit Identitäten, Körperbildern und Lebensentwürfen steht - auch dann noch, wenn der Körper selbst, wie Olivier Zahm im Rekurs auf Jean Baudrillards "symbolischen Tausch" schreibt, vollständig zum Verschwinden gebracht wird. Und das gilt für die sogenannte "künstlerische" Fotografie genauso, wie für die Modefotografie.

          Insbesondere hinsichtlich der Modefotografie wird jene konzeptionelle wie formale Öffnung spürbar, die da heißt: zunehmend von der Ästhetik eines zu definierenden Schönheitsideals und nicht selten von der Zurschaustellung des jeweiligen Produkts - oder des Objekts der Begierde - abzurücken. Die in "Chic Clicks" vorgestellten Fotografen haben diese Konzepte längst verinnerlicht - bis hin zur Pflege einer "corporate identity", die den Zusammenhang von Begehren, Sehnsüchten und Lebensentwürfen selbst zum Thema macht und die soziale Brachen vereinnahmt, um sie an das jeweilige Label zu knüpfen.

          So inszeniert Philip Lorca diCorcia die Posen seiner Darsteller stets vor der Folie ihres sozialen Status und ihres Lebensraums: Es sind Repräsentationen mondänen Lifestyles und sozialer Randgruppen, welche die Prostituierten und Drogenabhängigen an LAs Santa Monica Boulevard mit dem kühlen Chic im benachbarten Beverly Hills konfrontieren. Auf solche Attribute verzichtet Mark Borthwicks "Fashion Story", die er 1999 für die Zeitschrift "Purple" realisierte. Seine Models bewegen sich im neutralen Raum, und sie beschreiben entrückte Posen, die sich dem gängigen Habitus eines auf Kleidung basierenden Selbstwertgefühls bewußt entziehen. Während Borthwicks Arbeit den Ausgangspunkt für eine anschließende Performance in der New Yorker Alleged Gallery bildete, verdanken sich Erwin Wurms "Indoor Sculptures" in der Zeitschrift "Self Service" einer gegenläufigen Strategie: Am Anfang steht auch hier die Pose, diesmal jedoch als eine Handlung, die den gezielten Anweisungen des österreichischen Künstlers folgt. Die Fotografien selbst dokumentieren nur kurze Momentaufnahmen, in denen der Mensch selbst zur lächerlichen Skulptur wird - kopfüber in der Mülltonne, oder mit vier Stuhlbeinen an der Wand. Sympathisch erscheinen diese Menschen in ihrer verordneten Notdürftigkeit - und doch dürfte es schwer fallen, eine Zielgruppe auszumachen, die damit neue Trends in der Mode setzen könnte.

          "Chic Clicks: Modefotografie zwischen Kunst und Auftrag". Hrsg. von Ulrich Lehmann und Jessica Morgan, Institute of Contemporary Art, Boston. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit. 320 S., 180 Farbabb. geb., 58 EUR. Die vom ICA Boston initiierte Ausstellung wird ab 15. Juni im Fotomuseum Winterthur zu sehen sein.

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