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Rezension: Sachbuch : Chronik eines fünffachen Mordes

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In den frühen Morgenstunden des 9. Januar 1993 erschießt Jean-Claude Romand seine Frau Florence im gemeinsamen Schlafzimmer. Danach bereitet er seinen Kindern Antoine und Caroline ihr Frühstück aus Schokopops und Milch zu, schaut mit ihnen ein Leihvideo - die drei kleinen Schweinchen und der böse Wolf ...

          In den frühen Morgenstunden des 9. Januar 1993 erschießt Jean-Claude Romand seine Frau Florence im gemeinsamen Schlafzimmer. Danach bereitet er seinen Kindern Antoine und Caroline ihr Frühstück aus Schokopops und Milch zu, schaut mit ihnen ein Leihvideo - die drei kleinen Schweinchen und der böse Wolf -, führt sie dann unter dem Vorwand, Fieber messen zu müssen, hintereinander ins Kinderzimmer und erschießt sie. Anschließend fährt er zu seinen Eltern in das Nachbardorf, ißt mit ihnen zu Mittag und schießt seinem Vater in den Rücken. Seine Mutter erschießt er von Angesicht zu Angesicht. Nach diesen Verbrechen fährt Romand von dem kleinen französischen Dorf nahe der Schweizer Grenze nach Paris, wo ihm der Mord an seiner Geliebten mißlingt. Er fährt zurück, steckt das Haus mit den vier Toten im ersten Geschoß an und will sich mit Tabletten das Leben nehmen. Doch er überlebt die Überdosis und den Brand und wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

          Leider ist das Buch von Emmanuel Carrère kein Roman. Doch das Leben des Jean-Claude Romand war eine einzige Fiktion, die mit seinem mehrfachen Verbrechen brutal in sich zusammenbrach. Siebzehn Jahre vor seinem fünffachen Mord fühlt sich der junge Medizinstudent Romand psychisch nicht bereit für eine Klausur und beschließt, in seiner Studentenbude zu bleiben. Mit diesem Moment beginnt sein unfaßbares Doppelleben. Romand gibt vor, weiterhin Medizin zu studieren, ohne jemals auch nur eine einzige Prüfung abzulegen. Er täuscht seinen Freundeskreis, heiratet seine Kommilitonin Florence, die bis zu ihrem grausamen Ende nichts von der Scheinexistenz ihres Gatten ahnt. Der Blender erschafft die fiktive Figur des angesehenen Docteur Jean-Claude Romand, eines renommierten Forschers bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf. Jeden Morgen gibt Romand vor, in sein Genfer Büro der internationalen Behörde zu fahren. Er simuliert Dienstreisen, Ministerfreundschaften, Forschungsaufträge und Gastvorlesungen an Universitäten.

          Seine Tage verschlendert der falsche Arzt mit grüblerischen Waldspaziergängen, intensiver Zeitungslektüre und zum Schluß mit einer Affäre in Paris. Seine Geliebte Corinne ist Psychologin, doch auch sie durchschaut den Hochstapler nicht. Nur zu gerne läßt sie sich von ihm in elegante Luxusrestaurants einladen. Das Geld für den kostspieligen Lebenswandel eines Spitzenbeamten erschleicht sich Romand von Verwandten und Freunden. Das Renommee eines angesehenen Forschers schafft Vertrauen, und der ehrbare Mediziner lockt mit finanziellen Sonderkonditionen für Schweizer WHO-Beamte. Freunde und Verwandte wollen allesamt in den Genuß von vermeintlichen achtzehn Prozent Zinsen einer Genfer Bank kommen. Reicht das erschwindelte Geld nicht mehr, verkauft Romand Placebo-Ampullen an befreundete Krebskranke. Über die Jahre gibt Jean-Claude Millionen von ergaunerten Franc aus, ohne daß er jemals ernsthaft zur Rechenschaft gezogen würde. Romand betreibt erfolgreich seine antiaufklärerischen Verdunkelungs- und Vertuschungsmanöver. Zum Schluß wird ein banaler Streit auf einem Elternabend dem Placebo-Mediziner zum Verhängnis. Sein Amoklauf hat eine siebzehnjährige Vorgeschichte. Siebzehn Jahre Lügen. Der Mörder kam aus einer Nebenwelt.

          Sehr sorgfältig hat Emmanuel Carrère diese Vorgeschichte und auch die Taten des mörderischen Hochstaplers recherchiert. Er hat sich mit allen Freunden, Bekannten und Verwandten des falschen Arztes unterhalten, hat mit Romand selbst noch während dessen Prozeß Briefkontakt aufgenommen, ihm von seinem Buchprojekt erzählt und erwartungsgemäß in dem chronischen Mythomanen einen detailfreudigen Beichtenden gefunden. Für das französische Wochenmagazin "Le Nouvel Observateur" hat Carrère über die Gerichtsverhandlungen berichtet.

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