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Rezension: Sachbuch : Christentum ist Scheitern und Auferstehen

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Belehrt euch, leistet Widerstand: Dorothee Sölle und Luise Schottroff denken an Jesus

          3 Min.

          Es handelt sich um das 349. Jesusbuch in deutscher Sprache innerhalb der letzten zehn Jahre. Der Unterschied: Hier melden sich die "Power"-Frauen des Linksprotestantismus zu Wort, "die Sölle" und "die Schottroff". Das kurze Literaturverzeichnis vervollständigt die knappe Liste jener wenigen Menschen, die auch die Kirchentage bestimmen. Das Büchlein ist gewiss nicht durchgehend unsympathisch: Es enthält außer einem - viel zu kurzen - Glossar auch viele Abbildungen aus der Wirkungsgeschichte und zahlreiche poetische (schon bekannte) Texte hauptsächlich von Frau Sölle. Damit signalisiert das Buch, dass es auch andere Zugänge zu den Texten gibt als die hier vorherrschende Sozialgeschichte. Es ist judenfreundlich, und das ist in der deutschen Szene schon bemerkenswert.

          In all den Fragen, auf die Menschen überdies immer gerne Antworten wissen möchten, also Jungfrauengeburt, Wunder und Auferstehung, geben sich die Autorinnen nicht destruktiv, sondern eher windelweich und in der Regel offenbar absichtlich unklar. Der Leser oder die geneigte Leserin benötigt eine Weile, um zu erfassen, in welche Richtung er geführt wird. Die ältere protestantische Hermeneutik setzt sich durch, wenn man als Kern der Ostergeschichten immer wieder den Satz W. Marxens von 1954 nachhallen hört, die "Sache Jesu gehe weiter", es komme darauf an, Jesus nicht zu vergessen. Noch radikaler sind Sätze, nach denen der Osterglaube sich immer wieder neue Bilder schaffe. Merkwürdig und inkonsequent, dass erklärte Feministinnen die Bedeutung der Leiblichkeit und Leibhaftigkeit noch immer so verkennen. Und darauf läuft "Auferstehung" hinaus: Fortsetzung der Taten Jesu und Sehnsucht nach dem ewigen Leben machten Christentum aus. Gott sei "Gedächtnis" - was immer das heißen mag. Unrichtig ist aus meiner Sicht die Behauptung, Jesu Auferstehung sei nie isoliert gesehen worden, sondern nur im Zusammenhang der Totenauferstehung am Ende. Alle vier Evangelien lassen davon nichts erkennen.

          In gespannter Erwartung liest man den Abschnitt über den "Sühnetod" Jesu. Zunächst geht es um jüdische Opfervorstellungen und ihre "sekundäre" Verwendung in der Märtyrertheologie. Doch dann bricht der Gedanke ab, und es ist vom gottesdienstlichen Sündenbekenntnis die Rede. Wie ist der Zusammenhang? Wozu wird "die Gemeinschaft zum Ort der Klarheit und Analyse"? Auch der innere Zusammenhang zwischen Martyrium und Abendmahl wird nicht erkennbar.

          Die Kindheitsgeschichten sind natürlich Legende; indes geben die Autorinnen dem Wort Legende per Fußnote einen irgendwie zauberhaften Klang. Ab und zu gibt es dann Feminismus faustdick. Die Petrusverleugnung gehe weiter, wenn Rom Nein sage zum Priesteramt der Frauen. Solche Sätze erfreuen Katholiken beider Sorten. Die "progressiven" Frauen, die schon mal heimlich probieren, wie ihnen ein Messgewand steht, lässt er Morgenluft wittern. Und den Konservativen bestätigt er halboffiziell, was die Reformatoren stets leugneten: dass der Papst Inhaber des Petrusamtes sei.

          Und eine Kirche hat Jesus natürlich auch nicht gegründet, sondern(!) sich immer nur an den Ärmsten der Armen orientiert. Das ist nun die ältere Variante frühchristlicher Sozialgeschichtsschreibung, penetrant sozialromantisch. Und es fällt auch auf: Dogmatik ist immer etwas ganz Schlechtes, sei durch "Wegwerfmentalität" gekennzeichnet. Wenn man so etwas hört, muss man doch einmal auch als Exeget die Dogmatik in Schutz nehmen. Denn schon Paulus argumentiert streng und dogmatisch (zum Beispiel in Galater 1). Penetrant ist auch, wenn man - dreißig Jahre verspätet - Sätze wie diesen liest: "Das Kreuz zu umarmen bedeutet heute, in den Widerstand hineinzuwachsen." Widerstand gegen was, bitte?

          Man kann etwas lernen aus den Abschnitten über Kinder, über Maria und den Jünger unter dem Kreuz, über die Bedeutung des Mahls für die Pharisäer und über die Zeitauffassung Jesu: "Jesu und das jüdische Volk seiner Zeit denken nicht in linearer Zeit, sondern in Beziehungen, vor allem den Beziehungen zu Gott. Es gibt in ihrer Sprache nicht einmal ein Wort, das dem Wort ,Zukunft' entspricht. Das ,Morgen' heißt ,das Kommende'. Gemeint ist das Gericht Gottes." Hier leuchtet etwas davon auf, dass die Autorinnen Verständnis haben für die Fremdheit von Texten. Davon wünsche ich ihnen noch viel, viel mehr!

          KLAUS BERGER

          Dorothee Sölle, Luise Schottroff: "Jesus von Nazaret". dtv porträt. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2000. 159 S., Abb., br., 16,50 DM.

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