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Rezension: Sachbuch : Castellios großer Bruder

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Ein Lob der Klugheiten des Erasmus / Von Anthony Grafton

          4 Min.

          Vor fünfundzwanzig Jahren besuchte ich einen Arzt in Chicago. Nachdem er mich untersucht hatte, stellte er höflich eine Frage: "Womit beschäftigen Sie sich?" - "Bin Student", erwiderte ich kurz, weil ich glaubte, die Frage sei kaum ernst gemeint, "Historiker; arbeite über Erasmus." - "Ach ja? Erasmus? Als ich auf dem Gymnasium in Rumänien war, haben wir jede Menge Erasmus gelesen, und zwar in Latein. Damals pflegten wir zu sagen: ,Erasmus est homo pro se.' Haben Sie die ,Adagien' gelesen? Und das wunderbare ,Encomium Moriae'?" Bald stellte sich heraus, daß der Arzt die lateinischen Schriften von Erasmus besser kannte als ich. Die waren seine Schulbücher gewesen.

          Vor vierhundert Jahren wäre niemand in Verlegenheit geraten, nur weil er lernte, daß ein Arzt Erasmus gelesen hatte. Das war vielmehr vollkommen normal. So gut wie alle lateinischen Schriften des großen Philologen waren Renner. Am Gymnasium und an der Universität las jeder sein Lehrbuch der Rhetorik, "De duplici rerum und verborum copia"; seine Sammlung von griechischen und lateinischen Sprüchen, die Adagien; und seine lateinischen Dialoge, die "Colloquia". Die Hälfte aller Texte in den Bibliotheken der Studenten und Buchhändler, die im sechzehnten Jahrhundert in Cambridge verschieden, war von Erasmus. (Die an der dortigen Universität aufbewahrten Inventare wurden von Elizabeth Leedham-Green veröffentlicht.) Nicht einmal der Riesenerfolg von Foucault läßt sich mit dem Humanismusmonopol des Erasmus vergleichen.

          Jeder Schriftsteller des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, von Shakespeare bis Bacon, begann sein Studium der Sprache und der Beredsamkeit bei Erasmus. Auch seine Fehler wurden zu Regeln. In den Adagien erzählte Erasmus zum ersten Mal in Latein den Mythos der Büchse der Pandora, den er in Hesiodus gefunden hatte. Zwar hätte er Topf statt Büchse schreiben sollen, aber er arbeitete wie immer unter Druck im Hause seines Verlegers, Aldo Manuzio. Und so kam es, daß er den betreffenden Passus falsch übersetzte. In fast jeder europäischen Sprache stellt die Büchse der Pandora noch heute ein geflügeltes Wort dar, weil die Adagien von Erasmus so etwas wie eine Schatzkiste klassischer Bildung wurden, in der Schriftsteller und Künstler ihr Material zu suchen pflegten. Nur in Italien, wo die Schriften von Erasmus einer strengen Zensur unterlagen, wurde sein Übersetzungsfehler nicht zu einem festen Bestandteil der Sprache. Als gesamteuropäischer Pädagoge sucht Erasmus seinesgleichen.

          Diese Leistungen bildeten aber nur einen Teil seiner literarischen Tätigkeiten. Erasmus war nicht nur Pädagoge, sondern auch Philologe, Theologe, Moralist und politischer Denker. Ziel und Zweck all seiner Bücher, in welchem Fach auch immer, war es, eine gründliche Reformation von Kirche und Gesellschaft vorzuschlagen. Erasmus übte vernichtende Kritik an den Mißständen unter den Bettelmönchen, an der Korruption der Päpste und an den barbarischen Spitzfindigkeiten der Scholastiker. Auch wagte er radikale Thesen. Seiner Meinung nach war die christliche Religion nicht eine institutionelle, sondern eine geistliche Sache. Statt Ablässe und Reliquien zu sammeln, müsse der Christ vielmehr Meditation üben: Die wahre Reue, nicht das teure Bußwerk, stelle die Aufgabe eines wahrhaft frommen Menschen dar. Institutionen und Praktiken, die mit dieser einfachen "philosophia Christi" nichts zu tun hatten, machte er zur Zielscheibe seines gnadenlosen Spottes.

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