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Rezension: Sachbuch : Bücher aus dem Untergrund

  • Aktualisiert am

Robert Darnton weiß, daß er schon immer recht gehabt hat

          4 Min.

          Was war die französische Aufklärung, und wie hing sie mit der Revolution zusammen? Die Zeiten, da ein Daniel Mornet solche großen Fragen zu stellen und zu beantworten wagte, sind längst vorbei. Ein sozialhistorisch orientierter Kunsthistoriker wie Robert Darnton geht viel konkreter vor. Er untersucht die Bestseller des 18. Jahrhunderts, ihre Produktions- und Vertriebsumstände, ihre "Diskurse", die Formen ihrer Lektüre und Rezeption, und das alles möglichst nach Regionen und sozialen Gruppen spezifiziert. Auf diesen schmaleren, aber festeren Pfaden der Forschung sucht er dem alten Ziel einer "großen Antwort" näherzukommen.

          So tritt uns aus dem Dunkel der Archive und Magazine manch unbekannte Gestalt entgegen, etwa Jean-Félix Charmet, Buchhändler in Besançon, der beim Verlag Société Typographique in Neufchâtel (STN) von 1771 bis 1785 nicht weniger als 55 Sammelbestellungen von Neuerscheinungen aufgab, welche in Frankreich als "philosophische Bücher" verboten waren, allen voran Voltaires "Philosophische Briefe", die sogenannten Anekdoten der Gräfin Dubarry und Raynals "Geschichte beider Indien".

          Charmet war kein armer Schlucker, für den der Handel mit Untergrundliteratur einen letzten, riskanten Notbehelf bedeutete, sondern der führende Buchhändler einer Provinzmetropole, der als Zunftvorsteher die lokalen Buchimporte selber kontrollierte und sich dabei der Komplizenschaft des königlichen Intendanten Lothringens, Bourgeois de Boynes, erfreute: Während dieser im Hof der Intendantur ostentativ einige wertlose Erbauungsbücher verbrennen ließ, um die Aufklärungsgegner zu besänftigen, empfing er von seinem Freund Charmet ein in rotes Saffianleder gebundenes Luxusexemplar der "Geschichte beider Indien" von Raynal.

          Über buchgeschichtliche Fälle wie diesen hat Robert Darnton, gestützt auf die einzigartigen Bestellbücher der STN mit ihren 50000 Briefen und begünstigt durch sein großes Talent in lebendiger Darstellung, seit nunmehr 25 Jahren eine Fülle so quellengesättigter und so brillanter Fallstudien veröffentlicht, daß er seine damit erzielten großen internationalen Erfolge kaum noch übertreffen zu können schien.

          Zugleich begannen benachbarte, aber serieller angelegte Studien wie die von Gudrun Gersmann über "Die Welt der Schriftsteller, Kolporteure und Buchhändler am Vorabend der Französischen Revolution" Zweifel zu wecken, ob Dantons Häufung individualisierender Beispiele geeignet sei, seine allgemeine Grundthese von der mentalen Vorbereitung der Revolution durch eine spätaufklärerische "Politpornographie" zu beweisen. In der einen wie in der anderen Hinsicht ist Robert Darnton nun mit den hier angezeigten Büchern ein beachtlicher Durchbruch gelungen. Indem er seine bisherhigen, hier vielfach ergänzten Fallstudien seriell verarbeitet, verleiht er ihnen kulturgeschichtliche Repräsentativität.

          Zum einen arbeitet er heraus, daß die größeren Verlage französischer Schriften in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Teilauflagen ihrer Bücher in solchem Umfang untereinander zu tauschen pflegten, daß ihre Lagerbestände einander sehr ähnlich waren: Angebot und Verkauf der STN entsprachen weitgehend dem Durchschnitt der Zeit. Zum anderen vergleicht er seine Liste von insgesamt 720 verbotenen Büchern, die er aus der Geschäftskorrespondenz der STN ermittelt hat, sowohl mit geheimen Angebotslisten verbotener Bücher von anderen Verlagsbuchhandlungen als auch mit Bücherlisten beschlagnahmter Werke, die sich in den Archiven französischer Zoll- und Polizeibehörden erhalten haben: Überschneidungen von neunundfünfzig bis siebenundsechzig Prozent bestätigen, daß die Lieferungen der STN nach Frankreich in den beiden letzten Jahrzehnten des Ancien régime durchaus allgemeinere Aussagen erlauben.

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