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Rezension: Sachbuch : Briefe einer athletischen Nonne

  • Aktualisiert am

Simone de Beauvoir feiert "Eine transatlantische Liebe"

          6 Min.

          Die Sätze, mit denen Simone de Beauvoir in ihrem Buch "Zeremonie des Abschieds" die Krankheitsgeschichte Sartres beendet und sein Sterben kommentiert, bringt das Gelübde, das der Priester Eheleuten abverlangt - einander verbunden zu bleiben, "bis dass der Tod Euch scheidet" -, in eine atheistische Form: "Sein Tod trennt uns. Mein Tod wird uns nicht wieder vereinen . . . Schön ist, dass unsere Leben so lange harmonisch vereint sein konnten." Anders als den Frommen wird den beiden Intellektuellen für ihre lebenslange Gemeinschaft nach dem Tode nicht der Lohn einer Wiederbegegnung im Jenseits beschieden sein, vielleicht ein Weiterleben im Gedächtnis der Nachwelt. Auf solchem Nihilismus beruht der Stolz des Paares, das wie keines sonst die Unzertrennlichkeit für dieses Leben zum Programm erhoben hatte. Die Legende "Beauvoir / Sartre" berichtet vom Wunder der Treue ohne Treue. Die Amouren Sartres waren zugleich die Freundinnen Simone de Beauvoirs, in Scharen flatterten sie zwischen den beiden getrennt gehaltenen Haushalten hin und her. Die chronische Untreue war geradezu nötig als Beweis für das unerschütterliche Einverständnis, das über die körperliche Liebe erhaben ist. Fast hat es den Anschein, als ob die "kleinen Frühlingsgeschichten", die Sartre in seinen Briefen an "Castor" erzählt - so nennt er die Freundin mythisierend, vielleicht um selbst als Pollux, als "Paul-Lux", aufzutreten -, nur deshalb veranstaltet wurden, um den ewigen Redefluss der beiden mit attischem Salz zu würzen.

          Eine solche Artistik der Liebe gelingt nicht ohne intellektuelle Emphase. Sartres Brief etwa an "Castor" vom 28. Februar 1940 bekennt die zynische Wahrheit dieses Lebens zwischen Amor und Caritas, zwischen irdischer und geistiger Liebe: Der Philosoph erscheint sowohl als Verehrer wie als Verächter der Frauen, zu dessen Sportsgeist es gehört, mit falschen Schwüren die Herzen der "Nebenfrauen" zu gewinnen, und der nicht einmal zögert, zu diesem Zweck die "ewige" Freundin Simone zu verleugnen.

          Da bislang nur Sartres "Briefe an Castor" publiziert waren, ist Simone de Beauvoir von denen, die die aristokratische Tradition eines solchen Lebensentwurfs nicht zugeben und die Möglichkeit seiner Aktualisierung im bürgerlichen Zeitalter nicht wahrhaben wollten, als das Opfer patriarchalischen Egoismus bemitleidet worden. Simone de Beauvoir aber war Sartre durchaus gewachsen. Ihre nun publizierten Briefe an den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren zeigen, wie gut sie begriffen hat, dass Sartre den Stil des Libertin für die sexuelle Aufklärung im zwanzigsten Jahrhundert nutzen und die zynische Geste mit der Vernunft verbinden wollte: Erst die Freiheit der Liebe wird die Befreiung des Geistes vollenden.

          Auf dem schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Disziplin balanciert Simone de Beauvoir mit größerer Sicherheit als Sartre. Auch für sie liegt der sportliche Ehrgeiz darin, mit Nelson Algren die große Liebe des Lebens zu erfahren, so süß, überschwenglich und qualvoll, wie es sich nur junge Mädchen erträumen mögen, aber doch keine Sekunde ihres Lebens mit Sartre zu verschenken. An der Schwelle zum Alter hat Simone de Beauvoir sich selbst und ihrem Gefährten den Beweis geliefert, dass sie ihr Leben mit nicht geringerer Geistesstärke und Kühnheit entwirft als er.

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