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Rezension: Sachbuch : Bonstettens Registerarie war auch nicht gerade ein Schlummerlied

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Der publizistische Schlachtenlärm des Revolutionszeitalters ist immer noch ganz schön laut: Zur Wiederentdeckung eines Schweizer Universalgelehrten / Von Andreas Platthaus

          Was ist Aufklärung? Mit der Beantwortung dieser Frage versuchten die Philosophen sich am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts Rechenschaft darüber abzulegen, was sie im Laufe der Säkulums geleistet hatten. Immanuel Kant hatte sie 1784 aufgenommen und die bekannteste Antwort geliefert. Sein Schweizer Zeitgenosse Karl Viktor von Bonstetten hat diesen Versuch äußerst mißgestimmt beobachtet. Obwohl er sich selbst als Philosoph verstand, traute er der Zunft nicht viel zu: "Des metaphysischen Geschwäzes ist kein Ende, und wenn ich äusserst wenig von der heutigen Metaphysick gelesen hab, so ist die Ursach, weil mir oft alles schon auf den ersten Blättern aneckelte", hielt er im Jahr 1790 fest. Er wußte sich dabei einig mit seinem einstigen Lehrer Voltaire, der ihm in den sechziger Jahren erklärt habe, Metaphysik sei wie ein langes Menuett, bei dem man nach tausend Drehungen wieder am selben Platz ankomme.

          In Bonstetten aber drängte alles vorwärts. Philosophie war ihm nur Vehikel für gesellschaftlichen Fortschritt. Auf die nachkantische Wendung zum Idealismus in Deutschland verwandte er keine Aufmerksamkeit mehr. Das hinderte ihn nicht an scharfen Urteilen: "Das Gefäß der Philosophie war wie im Sand der Metaphysik versunken, und die düsteren Brackwasser von Kants Sekte haben das tiefe Denken abgeschreckt. Vielleicht gelingt es mir, den Sinn für ein kraftvolles Denken wiederaufzuwecken, aus dem allein sich die großen Tugenden nähren."

          Bereits 1779 hatte er in einer Rede seinen Zuhörern - der ländlichen Bevölkerung der Vogtei Saanenland - zugerufen: "Bemüht Euch um Aufklärung, indem Ihr Eure Vernunft pflegt, und niemals, indem Ihr die Sitten und die Meinungen der Städte annehmt." Im Vertrauen auf die Vernunft war Bonstetten mit Kant einig, sein Verständnis der Sittlichkeit aber sah ganz anders aus als das des Preußen. Der kategorische Imperativ wäre für Bonstetten undenkbar gewesen, weil er die Verallgemeinerung von Maximen nicht akzeptierte. Die Möglichkeit zur Gesetzgebung konnte nicht Maßstab für die Bewertung sittlicher Grundsätze sein, weil diese in der Hierarchie der Werte höher anzusiedeln seien: "Gesetze thun viel, Geist noch mehr, Sitten das meiste." Menschliche Existenz hat ihren natürlichen und sozialen Umweltbedingungen zu gehorchen; hier übertrug Bonstetten eine Erkenntnis der Rhetorik Ciceros, die er als junger Mann intensiv studiert hatte, auf seine philosophischen Grundsätze: Das "Aptum", die Angemessenheit, ist es, worauf der Erfolg im Gerichtssaal des Lebens beruht.

          Um feststellen zu können, was einem Individuum diesbezüglich angemessen ist, muß sich die Philosophie der modernen Naturwissenschaften und vor allem der Statistik bedienen. Das achtzehnte Jahrhundert entdeckte die Empirie als Legitimation der Theorie. Während seines Genfer Aufenthalts in den Jahren 1763 bis 1766 hatte der Berner Patriziersohn nicht nur an den Samstagsgesellschaften Voltaires teilgenommen, sondern sich auch dem seinerzeit berühmten Naturforscher und Philosophen Charles Bonnet angeschlossen. Bonnet hatte die Selbstbeobachtung zur Voraussetzung aller Erkenntnis bestimmt. Dieser ins Empirische gewendeten cartesischen Methode blieb auch Bonstetten zeit seines Lebens treu. Erst am Ende seiner philosophischen Laufbahn, in den 1821 erschienenen "Etudes de l'homme" räumte er die Grenzen empirischer Erfahrung ein - "Die Vorstellung der Zeit ist allein dem Geist vorbehalten" -, aber selbst diese Konzession an Kant diente nur dazu, die eigene Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele zu begründen: Alles Zeitempfinden war für Bonstetten nur Trug, somit auch die Furcht vor dem Tode.

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