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Rezension: Sachbuch : Bohrtürme und Gasfeuer

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Ken Saro-Wiwa beschreibt die Ausbeutung des Ogoni-Volkes

          4 Min.

          Im Delta des Niger-Flusses gibt es keine Robben. Scharen von Reportern wären wohl aus aller Welt eingeflogen, wenn es Robben gewesen wären, die von nigerianischen Soldaten in Stücke gehackt wurden. Aber im Niger-Delta leben Schwarzafrikaner. Seitdem die Ogoni - eines der mehr als zweihundert nigerianischen Völker - sich gegen die Obrigkeit auflehnten und von dieser Schulen, Krankenhäuser, Elektrizität und Wasserleitungen forderten, wurden Tausende von ihnen gefoltert, erschossen oder gar in Stücke gehackt.

          Achtzig Prozent aller Staatseinnahmen erwirtschaftet die nigerianische Regierung mit der Ölförderung im Niger-Delta. Öl im Wert von rund hundert Milliarden Dollar wurde dort bislang gefördert. Eigentlich könnten die Ogoni so reich sein wie kuweitische Scheichs. Doch die Ölgewinne fließen an ihnen vorbei. Für die Ogoni gibt es weder Schulen noch Krankenhäuser, während die mächtigsten nigerianischen Völker, die Ibo, Yoruba und Haussa-Fulani, mit dem aus dem Ölverkauf erzielten Devisen ihre Frauen zum Shopping nach London schicken.

          Mit dem Schicksal von afrikanischen Völkern kann man die Weltgemeinschaft schon lange nicht mehr mobilisieren. So fand der Überlebenskampf der Ogoni um ihre mehr und mehr von Ölverschmutzung und Umweltzerstörung bedrohten Lebensgrundlagen im verborgenen statt, bis Ken Saro-Wiwa auf das Schicksal seines Volkes aufmerksam machte. Dafür wurde der Schriftsteller, Menschenrechtler und Umweltschützer Ken Saro-Wiwa im November des vergangenen Jahres zusammen mit acht weiteren Mitstreitern - trotz internationaler Proteste - nach einem zweifelhaften Verfahren von der nigerianischen Militärjunta hingerichtet. In seinem letzten Buch "Flammen der Hölle" beschreibt der Träger des Alternativen Nobelpreises, der auch für den Friedensnobelpreis 1996 nominiert wurde, seine Haftbedingungen, die Willkür und Korruption der Militärdiktatur. Einen kleineren Teil hat er auch der Zerstörung der Lebensgrundlagen des Ogoni-Volkes durch die internationalen Ölkonzerne gewidmet.

          Einst gab es im Niger-Delta großen Fischreichtum. Der größte Mangrovensumpf Afrikas war für die Einheimischen ein unerschöpflich scheinendes Jagdrevier. Doch diese Idylle ist zerstört: Bevölkerungswachstum, planlose Entwaldung, unkontrollierte landwirtschaftliche Nutzung und Überfischung sind nur einige der selbstverschuldeten, in ganz Afrika wirkenden Ursachen, die Ken Saro-Wiwa in seinem Buch aber verschweigt. Sein Feindbild ist klar: die in Lagos und Abuja residierende nigerianische Elite und die internationalen Ölkonzerne - allen voran die britisch-niederländische Shell.

          Seit 1958 prägen Bohrtürme und Gasfeuer die Landschaft des Ogoni-Volkes. Und Öl ist in Nigeria seither ein hervorragendes Schmiermittel: Eine kleine Fettschicht nigerianischer Militärs, Politiker und Geschäftsleute haust in prachtvollen Villen und fährt Luxuskarossen. Ken Saro-Wiwa forderte - gewaltlos - die gerechte Verteilung der Ölgewinne und Schadensersatz von den Ölkonzernen. Im August 1990 gründete er die "Bewegung für das Überleben der Ogoni" (Mosop). Im Gründungsdokument heißt es, die Ogoni seien zu Sklaven der anderen Völker Nigerias geworden; Nigeria unterscheide sich nicht von Südafrika in den Zeiten der Apartheid. Die Antwort der Regierung war brutal: Sie schickte Soldaten und ließ Tausende Ogoni ermorden.

          1993 zog sich Shell nach Unruhen aus dem Ogoni-Land zurück. Bei Shell weiß man durchaus, daß die meisten Anlagen im Ogoni-Gebiet nicht internationalem Standard entsprechen. Richtig ist aber auch, daß die Ogoni selbst viele Anlagen zerstört haben, aus denen dann Öl austrat. Umweltbewußtsein entwickelt sich - unter dem Einfluß von Ken Saro-Wiwa - im Ogoni-Land erst langsam. In der englischen Originalausgabe tauchte - wohl bewußt - der Name Shell auf dem Titel nicht auf, während der Rowohlt Verlag in Deutschland die nach den Protesten gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar verstärkten Vorbehalte gegen den Konzern mit einem reißerischen Titel offenkundig auszunutzen gedenkt.

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