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Rezension: Sachbuch : Bohren am Zahn der Zeit

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Als eigentlicher Anker dieser schillernden Aufsatzsammlung darf jedoch die Arbeit des Medizinhistorikers Thomas Rütten gelten ("Zu Thomas Manns medizinischem Bildungsgang im Spiegel seines Spätwerkes"). Denn in eleganter Prosa wird uns in diesem Aufsatz Mann zuerst als Kranker, dann als ärztlicher Famulus und zuletzt als leidenschaftlicher Leser medizinischer Literatur vorgeführt. Was Manns Rolle als Patient angeht, so hat sich Rütten des reichhaltigsten, jedoch auch zeitraubendsten Kapitels angenommen, das hier zu haben ist: Manns Probleme mit seinem "locus minoris resistentiae", den Zähnen also. Hunderte von Zahnarztbesuchen sind in den Tagebüchern festgehalten, Dutzende von konsultierten Zahnärzten namentlich belegt, und die Prädikate, die den jeweiligen "Zahnaffairen" verliehen werden, beschreiben das durchlittene Weh: "angreifend", "peinlich", "abscheulich" und, wie könnte es bei Wurzelbehandlungen anders sein, "enervierend". Literarisch rächt sich der Patient für die durchlebten "Zahnarzt-Chikanen". So charakterisiert der Teufel im "Doktor Faustus" die Wurzelbehandlung als "pars pro toto" für eine abgelebte "Epoche der Kultur und ihres Kultus", während in "Der Tod" die Figur des Todes selbst sich "wie ein Zahnarzt benimmt".

"Unter meinen inneren Möglichkeiten war von jeher die der ärztlichen Existenz", schrieb Mann 1919 an den Berliner Nervenarzt Gustav Blume, und von dieser "inneren Möglichkeit" hat er ausgiebig Gebrauch gemacht. Sein Wunsch, das bei Arztbesuchen aufgegriffene Vokabular durch eigene Lektüre weiter zu festigen und sich dadurch vom Patienten zum Fachkollegen zu emanzipieren, wird von Rütten ausgiebig dokumentiert. Der Schriftsteller liebt es, mit Ärzten über "biologische Dinge" zu sprechen, er verbringt "im weißen Mantel" zahlreiche Vormittage in der Löfflerschen Polyklinik in Zürich, er kokettiert sogar mit der Idee, "mit siebzig oder achtzig, den medizinischen Ehrendoktorhut in die Stirn drücken" zu dürfen. Für die Literatur besonders ergiebig ist natürlich seine ausgedehnte Korrespondenz mit Ärzten, die ihm beim Verfassen von Krankheitsszenen zudienen, wobei Rütten zeigt, "daß der Dichter in gelegentlicher Überschätzung seiner eigenen medizinischen Fachkenntnisse den Dialog mit den Ärzten dominierte".

Im Falle des "Doktor Faustus" wurde der Dermatologe Martin Gumpert als Syphilis-Fachmann zum medizinischen Kollegen des Zwölftonexperten Adorno, und der Inhalt seiner Fachpublikationen und seiner Briefe an Mann haben sich auf verschiedenste Weise in dessen Teufelswerk niedergeschlagen. Allerdings war Manns Benutzung solcher Fachquellen bisweilen geradezu verfälschend. In seinem Willen, die Krankheitsgeschichte Leverkühns zu vergeistigen, vernachlässigte er Gumperts Beschreibung der syphilitischen Sekundärsymptome an der Haut zugunsten nervlicher und zerebraler Leiden. Und um Leverkühns Krankengeschichte mit derjenigen Nietzsches chronologisch in Übereinstimmung zu bringen, verfälschte er die von Gumpert angegebene Zeitspanne von der Infektion bis zum Eintreten des Todes. Vollends literarisch verzerrt wurden die Befunde schließlich dadurch, daß einige noch heute im Zürcher Thomas-Mann-Archiv einzusehende ältere Abhandlungen, vor allem Philipp Henslers "Geschichte der Lustseuche" von 1783, herangezogen wurden, welche Leverkühns Krankheit mit unerwarteten astrologischen und religiösen Aspekten ausstatteten. Die Verdichtung von persönlicher Krankheitserfahrung, über Jahrzehnte angeeignetem medizinischem Fachjargon und kulturklinischer Diagnostik ist wohl nirgends literarisch so weit vorangetrieben worden wie in Manns Spätwerk.

CHRISTOPH LÜTHY

"Vom ,Zauberberg' zum ,Doktor Faustus'. Die Davoser Literaturtage 1998". Hrsg. von Thomas Sprecher. Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2000. 316 S., geb., 118,- DM.

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