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Rezension: Sachbuch : Bleibe, wo du bist, lieber Herr Jesus, als Lehrer und Exorzist

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Die Kriterien für die Auswahl der Texte werden bei Lüdemann nicht deutlich, zumal dem Leser zuletzt mitgeteilt wird, daß die Darstellung keinesfalls das wahre Verhältnis zwischen echtem und unechtem Jesus-Gut repräsentiere: "Vielmehr wurden in diesem Buch etwa die Hälfte aller echten Jesusworte und -taten aufgeführt, während die hier vorgestellten unechten nur einen kleinen Ausschnitt aus einer Fülle von Erfindungen darstellen." Warum das? Hinzu kommt: Was in diesen Ausführungen als Entlastung des Lesers gemeint ist, nämlich der Verzicht auf ausdrückliche Auseinandersetzung mit anderen Forschungspositionen, macht die Lektüre tatsächlich schwieriger. Denn Lüdemanns knappe Stellungnahmen für oder wider Echtheit setzen oft genug erhebliche Vertrautheit mit exegetischen Argumentationsgängen voraus. Es bleibt der Trost, daß für das nächste Jahr eine umfassende Diskussion des ganzen überlieferten Jesusgutes angekündigt ist. Was der Leser jetzt in den Händen hält, soll nur "populäre Zusammenfassung und Ankündigung" sein.

Doch birgt Lüdemanns Skizze einen eklatanten Selbstwiderspruch. Einerseits stellt er resümierend fest, daß der historische Jesus sich aus den Quellen kaum mehr erkennen lasse; "nur an wenigen Stellen können wir einen schattenhaften Umriß seiner Person noch erahnen". Andererseits aber weiß er doch recht genau: Jesus war "ganz anders". Er hat "wie ein Magier Dämonen ausgetrieben und darin die Ankunft des Reiches Gottes geschaut". Er hatte "intimen Kontakt zum Teufel". Er führte mit seinen Anhängern "ein unstetes Wanderleben im Dienste des Gottesreiches" und lehrte "einen grandiosen Verhaltenskodex, der das mosaische Gesetz im Lichte der Liebe interpretiert". Er erzählte "tollkühne Gleichnisse, die - echt menschlich - Helden auf krummen Wegen zeigen". Er handelt "oftmals selbst als unmoralischer Held und pflegt geselligen Verkehr mit Prostituierten und Zöllnern". Jesus also wieder einmal als sympathischer Bürgerschreck: Lüdemann bleibt den Nachweis für diese Rekonstruktion schuldig, weil er sich als Historiker nicht wirklich mit dem sozialen und religiösen Umfeld Jesu auseinandersetzt und in die Welt der neutestamentlichen Autoren nicht eindringt. Sein theologisches Bekenntnis, das als solches zu respektieren ist, wirkt darin beschränkt, daß es der Begegnug mit dem "ganz Anderen" in Wahrheit ausweicht. HERMUT LÖHR

Gerd Lüdemann: "Der große Betrug". Und was Jesus wirklich sagte und tat. Verlag zu Klampen, Lüneburg 1998. 128 S., geb., 32,- DM.

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