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Rezension: Sachbuch : Bleibe, wo du bist, lieber Herr Jesus, als Lehrer und Exorzist

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Gewiß wird man dem Autor darin zustimmen, daß es erlaubt und in den Grenzen der Wahrscheinlichkeit auch möglich sein müsse, beispielsweise zwischen echten und unechten Jesus-Worten innerhalb der neutestamentlichen Texte zu unterscheiden. Die Rückfrage nach dem historischen Jesus zu sistieren ist mit dem zum common sense gewordenen Geschichtsbewußtsein der Neuzeit kaum zu vereinbaren und auch durch den Verweis auf die Unsicherheit der bisher erreichten Antworten methodisch nicht zu rechtfertigen. Hier sieht Lüdemann schärfer; sogar die Frage nach dem leeren Grab ist historisch erlaubt. Freilich wirkt sein Vorgehen darin noch merkwürdig antiquiert, daß er Wirkungsgeschichte und kirchliche Tradition im wesentlichen nur als dunkle Folie und Verfälschung - "eine Fülle von Erfindungen" oder den "großen Betrug" nennt er das - begreifen kann, nicht auch als integralen Bestandteil dessen, was man Glaubensgeschehen und -geschichte nennen könnte.

Erste Aufgabe des gewissenhaften Historikers ist jedoch die Quellenkritik, die Reflexion auf Anspruch und Gattung der zu untersuchenden Texte. In der Auseinandersetzung um Recht und Grenzen des historischen Zugriffs auf die Bibel formulierte schon 1896 der Hallenser Theologe Martin Kähler in einer bis heute zum Grundbestand wissenschaftlich-theologischer Literatur zählenden Abhandlung: "Ich leuge, daß es der Zweck der Evangelien sei, als Urkunde für eine wissenschaftlich hergestellte Biographie Jesu zu dienen. Ihr Zweck ist, Glauben an Jesum durch anschauliche Verkündigung seiner Heilandstätigkeit zu wecken." Wer dies nicht berücksichtigt, arbeitet auch historisch schlampig.

Lüdemann nennt klar die Kriterien, nach denen er Echtes von Unechtem in der Jesus-Überlieferung scheiden möchte. Überraschend Neues oder theologisch Provokatives ist hier nicht zu entdecken; der Verfasser formuliert den Konsens, der in der Fachdebatte seit den fünfziger Jahren erzielt wurde, als Ernst Käsemann das "Problem des historischen Jesus" wieder in den Fokus des theologischen Interesses rückte. Von einem radikalen Denker, wie Lüdemann es sein will, hätte man sich freilich gewünscht, daß die im einzelen durchaus zu diskutierenden Voraussetzungen der jeweiligen Kriterien viel stärker mitbedacht würden. Lüdemann ist hier erstaunlich brav. Gar nicht in den Blick kommt die neueste Debatte um den historischen Jesus, die vor allem im englischsprachigen Bereich unternommene sogenannte "third quest", der das für Lüdemann ganz wesentliche Differenzkriterium zur Ermittlung echten Jesus-Gutes, die Abgrenzung Jesu vom zeitgenössischen Judentum vom entstehenden Christentum, fraglich geworden ist.

Was auf den restlichen knapp hundert Seiten des Bändchens folgt, ist Übersetzung und Erörterung ausgewählter Passagen aus den vier kanonischen Evangelien. Nur einmal wird das vorwiegend in koptischer Sprache überlieferte, wohl im zweiten Jahrhundert abgeschlossene Thomas-Evangelium herangezogen, das nach Lüdemanns eigenen Worten doch "unbedingt zu den hier zu untersuchenden Quellenschriften" gehört, "da es, wie immer deutlicher wird, zum Teil eine gegenüber dem Neuen Testament unabhängige Tradition widerspiegelt". Wie man diese Quelle für die Frage nach dem historischen Jesus wirklich zum Sprudeln bringt, hat John Dominic Crossan längst, wenn auch längst nicht unumstritten, einem breiteren Publikum gezeigt.

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